»Wann ist der Brief da gekommen?«

»Wahrscheinlich mit dem Nachtzug, Herr Rittmeister. Der Postbote hat ihn vor einer Viertelstunde gebracht. Er war erst gar nicht im Kasino, wo nämlich die Herrschaften, die ein bißchen was sind, doch immer bei uns absteigen.«

»Es ist gut, ich danke.«

Gaston hielt den von einem Wappensiegel verschlossenen Brief erst eine Weile in der Hand, ehe er ihn öffnete. Und zuerst sah er nach der Unterschrift, dann begann er zu lesen. Das Herz schlug ihm bis in den Hals.

»Gnädiger Herr Baron!

Im Auftrage meiner Herrin, die krank zu Bett liegt, teile ich Ihnen die Bitte mit, Sie müssen sofort Urlaub nehmen und herkommen. Sie ist vor Aufregung krank und ganz hilflos, weint immerfort, läßt sich nicht beruhigen. Da können nur Sie allein helfen. Hier ist Schreckliches passiert. Der gnädige Herr ist heute früh gestorben, jetzt vor einer Stunde. Weil er gestern einen Blutsturz bekommen hat nach all der Aufregung.

Dieser entsetzliche Mensch, der Herr von Wodersen, war gestern hier eingedrungen, nicht lange nachdem Sie fortgegangen sind. Und da hat er dem gnädigen Herrn ins Gesicht geschrien, er würde betrogen von Ihnen und Josepha. Heiraten würden Sie, wenn er tot wär', und Sie selbst hätten es ihm gesagt. Der Herr ist aufgesprungen, auf Josepha zu, aber sie ist aus dem Zimmer geflohen, in den Park hinaus. Der Herr ihr nach, er hatte sich aus dem Gewehrschrank eine Flinte geholt, schrie immerfort: 'Du mußt mit, Du mußt mit!' Ich hinter ihm her, in Todesangst um meine geliebte Josepha, es war eine fürchterliche Aufregung. Da fiel draußen auf der Straße der Schuß, weil sich der Herr von Wodersen totgeschossen hatte. Der englische Kammerdiener hatte ihn 'rausgebracht. Das war unsere Rettung. Der gnädige Herr blieb einen Augenblick stehen, sah sich um, da holte ich ihn ein. Und ich fing an mit ihm zu ringen um das Gewehr. Da stürzte ihm das Blut aus dem Munde, über mich hin. Noch in meiner letzten Stunde werde ich daran denken.

Die ganze Nacht hat er sich gequält, aber ohne Bewußtsein. Die Herren Doktoren haben ihm Morphium gegeben, weil doch nichts mehr zu retten war. So ist es rascher mit ihm zu Ende gegangen, als wir gedacht hatten. Meine liebe Josepha hat zwei Stunden in Ohnmacht gelegen, ich hatte schon Angst, sie kommt nicht wieder zu sich. Aber Gott hat geholfen und die heilige Mutter Maria. Jetzt jammert sie immer nach Ihnen, Sie sollen kommen. Ich bitte Sie auch darum. Und denken Sie an das, was wir beide in Ihrer Wohnung gesprochen haben!

Von mir aus allein sage ich Ihnen noch, der gnädige Herr ist gestorben, ohne daß er sein Testament hat ändern können. Josepha erbt sein ganzes Vermögen, nur ein Viertel geht ab an die Verwandten von dem gnädigen Herrn selig. Telegraphieren Sie, wenn Sie kommen. An mich, damit ich vorsorgen kann, wo Sie sich treffen sollen mit Ihrer lieben zukünftigen Frau, ohne daß es auffällt. Es grüßt hochachtungsvoll

Ursula.«