Als er wieder oben in seinem Zimmer saß, war ihm ein wenig leichter zumut. Nur hätte er viel darum gegeben, wenn er den Brief da eben hätte schreiben können, ohne an eine andere zu denken, die er seit ein paar Stunden erst kannte. Immerfort mußte er an sie denken mit zehrender Sehnsucht im Herzen ...

Unten die Musik spielte einen Walzer, den er vor einigen Nächten getanzt hatte. Mit einer verführerisch schönen Frau, der er in plötzlicher Laune den weißen Hals küßte.

Er verstopfte sich mit den Fingern die Ohren und stierte in das aufgeschlagene Buch. Seite 24 stand da:

»Unter allen Umständen und in jedem Gelände muß die Eskadron, auch unrangiert, alle reglementarischen Bewegungen sicher und schnell ausführen können und stets – auch in aufgelöster Ordnung – fest in der Hand des Führers sein.«

Nur seine Augen lasen den Satz, den er ja längst schon auswendig kannte, seine Gedanken waren ganz wo anders – – –

7.

Die fünfte Eskadron des Dragonerregiments Graf Schmettau stand in Linie zu vier Zügen auf dem großen Ordensburger Exerzierplatze, der sich zwischen der Eisenbahn und dem Walde der Domäne Mrosen dehnte. Die Gäule schlugen mit den Schwänzen und schlackerten die Köpfe der vielen Fliegen wegen, die Mannschaft saß stumpfsinnig dösend da in den Sätteln. Es gab einen neuen Schwadronschef, von dem ein unbestimmtes Gerücht ging in den Mannschaftsstuben, er wäre ein besonders scharfer. Aber nur die im ersten und zweiten Jahrgang verspürten ein leichtes Bangen in der Brust, die »alten Leute« blickten ziemlich gleichgültig drein. Ihnen konnte nicht mehr viel passieren in den paar Wochen, bis Reserve Ruhe hatte. Wenn's aber Krieg gab, pumpte man ganz von selbst das letzte aus den Knochen. Dazu brauchte man nicht erst »getrietzt« zu werden, um der Gesellschaft da drüben zu zeigen, was 'ne ostpreußische Dragonerfaust war.

Die Offiziere hielten in einem Pulk vor der Front und tauschten halblaut ihre Meinungen. Sie erörterten die auffällige Tatsache, daß ein Generalstäbler sechs Wochen ungefähr vor der reglementsmäßigen Zeit seine Schwadron gekriegt hatte. Daraus konnte man zweierlei Schlüsse ziehen. Entweder hatte man ihn in Berlin vorzeitig »als unbrauchbar abgegeben«, oder er war eines von den ganz großen Kirchenlichtern, die eine außergewöhnliche Karriere machten.

»Das letzte, meine Herren, das letzte,« sagte Karl von Gorski, der jüngere der beiden Brüder. Er hatte sich am frühen Morgen zu dem feierlichen Anlaß des Kommandowechsels wieder gesund gemeldet, trotzdem das verstauchte Handgelenk ihm bei der Zügelführung noch arge Schmerzen verursachte. Und mit pfiffigem Lächeln fügte er hinzu: »Derweil die Herren noch schliefen, habe ich schon ein informatorisches Telephongespräch mit jemand gehabt, der sehr gut unterrichtet ist über unseren neuen Chef. Wir verdanken ihn der väterlichen Fürsorge meines angeheirateten Onkels Wegener für sein altes Regiment. Er soll uns hier die Schlachtpläne ausarbeiten, wie wir es fertig kriegen, mit fünfhundert Mann eine Division Russen aufzuhalten. Und um auch gleich Ihre Neugierde nach seiner Familie zu befriedigen: sie war vor genau hundertzwanzig Jahren noch stockfranzösisch. Als man damals in Paris die unangenehme Gepflogenheit einführte, sämtliche Aristokraten um ein Stückchen kürzer zu schneiden – am oberen Ende natürlich –, wanderte sie nach Deutschland aus, weil das dort noch nicht Sitte war. Wissen Sie jetzt Bescheid, meine Herren?«

»Vollkommen,« sagte der Leutnant Uhlenburg, wegen seiner Neigung zur Korpulenz das »Tonnchen« genannt. »Aber von wem haben Sie denn diese Kenntnisse bezogen?«