»Nun, die ... die Verlobung von Fräulein Annemarie. Erst heute hörte ich zufällig, sie würde sich demnächst öffentlich verloben. Mit dem Herrn von Brinckenwurff, den ich am ersten Abend hier kennen lernte, als ich ankam.«

Der Kleine schwieg darauf, und Gaston mußte weitersprechen. Er fühlte deutlich, daß der Wein auf ihn zu wirken begann – seit Wochen hatte er keinen mehr getrunken. Zu Mittag ein Glas Wasser und abends bei der Arbeit einen leichten Tee. Er hätte den Kleinen anschreien mögen: 'Gib mir Gewißheit! Du hast sie doch in diesen Tagen öfter gesehen, weißt vielleicht, was sie fühlt und denkt.' Statt dessen mußte er höflich weitersprechen: »Eine sehr passende Verbindung, soweit ich's beurteilen kann. Nachbarskinder, die Besitz zu Besitz bringen, und dann ... sie kennen sich von Jugend auf.«

Karl von Gorski nickte. Er wußte Bescheid. Die Worte klangen gleichgültig, nur das Drum und Dran war verräterisch. Wäre ja auch merkwürdig gewesen, wenn der da drüben sich in das schöne Cousinchen nicht verliebt hätte. Alle verliebten sich ja in das herrliche Mädel, die es kennen lernten. Er selbst fühlte bei allem philosophischen Gleichmut einen Stachel im Herzen, wenn er daran dachte, daß sie einen anderen heiraten sollte. Aber er war – Gott sei Dank – immer noch in der Lage, sich mit einem guten Witz darüber hinwegzusetzen. Jetzt hatte es den da auch gefaßt, ganz wie er's vorausgesagt hatte. Nur es war zu spät, er hatte seinen günstigen Augenblick verpaßt. In vierzehn Tagen gab es in Kalinzinnen Verlobung. Und er sann darüber, wie er's ihm am schonendsten beibringen sollte, daß da nichts mehr zu hoffen war.

»Ja, Herr Rittmeister,« begann er tiefsinnig, »zu dieser Verlobung wäre manches zu bemerken. Wie zum Beispiel zu der Preußischen Klassenlotterie ... Nicht immer gewinnt der Würdigste das Große Los. Manchmal fällt es an einen Kommerzienrat, der sich nicht sonderlich viel daraus macht. Und die anderen stehen 'rum, beneiden ihn – wie der ergebenst Unterfertigte. Einer kann es ja nur gewinnen, aber weshalb muß es immer der andere sein? Das frißt einem am Herzen, namentlich wenn man sich schmeicheln darf, ein außergewöhnlich begabter junger Mann zu sein ...

Sehen der Herr Rittmeister mich mal an! Haben Sie eben bemerkt, wie brillant ich mit den Ohren wackeln kann? Zwei Zentimeter Ausschlag nach oben und nach unten. Im Panoptikum könnte ich damit auftreten unter riesigem Zulauf, wäre auch in der Lage, das Publikum in den Pausen zu unterhalten! Durch Humor ... Auf diese glänzenden Eigenschaften legt mein Cousinchen keinen Wert. Als ich sie unlängst fragte: 'Annemieze, na wie wär's? Wenn Du mich nehmen wolltest, würdest Du aus dem Lachen nicht 'rauskommen,' zuckte sie mit den Achseln: 'Mein Jungchen, Du hast Deine Chance verpaßt. Mir ist nicht mehr lächerlich zumute – in vierzehn Tagen ist Verlobung und in sechs Wochen Hochzeit. Die Kochfrau ist schon bestellt aus Königsberg, denn es soll natürlich 'was Feines zu essen geben.' Da tröstete ich mich ein bißchen, weil ich nämlich eminent feinschmeckerisch veranlagt bin ...«

Er hob sein Glas: »Gestatte mir gehorsamst zum Wohle, Herr Rittmeister!«

Gaston trank schweigend. Er wußte genug. Und der andere da drüben hatte anscheinend nicht das geringste gemerkt. Daß er nur deshalb mit ihm hier zusammensaß, um ihn auszuhorchen. Und jetzt hätte er mit der empfangenen Auskunft wieder heimgehen können, aber ihm graute vor dem Alleinsein mit den Gedanken, die aus allen dunklen Ecken gekrochen kamen in seinem stillen Häuschen da draußen ...

Die Flasche war leer, er griff nach dem Klingelzuge, der von der Lampe herabhing: »Ordonnanz, noch so eine ... Das heißt, wenn Sie freundlichst gestatten, Herr von Gorski?«

Der Kleine klappte die Hacken zusammen, verneigte sich lächelnd. Er selbst vertrug einen Stalleimer voll Sekt, brauchte am anderen Morgen den Kopf nur fünf Minuten unter die kalte Brause zu stecken, um vollkommen frisch zu sein. Sein Schwadronschef aber hatte schon die »Fahne« aufgezogen, glühte im Gesicht wie ein Fieberkranker. Da gelang es vielleicht, ihm listig noch allerhand abzufragen, was ihn selbst – nicht bloß aus Neugierde – interessierte.

Vor jenen Wochen, gleich nach der Rückkehr aus Königsberg, war sein Cousinchen arg verstimmt gewesen. Schon damals glaubte er zu wissen, weshalb, und heute war er seiner Sache sicherer denn je. Nur ein Rätsel gab es noch zu lösen: warum hatte der dumme Kerl da sich am Tage nach der gemeinschaftlichen Reise nicht auf seinen Gaul geschwungen, war nach Kalinzinnen geritten? Da wäre manches vielleicht anders gekommen. Und – ein gewisses Positionsgefühl sagte ihm das wie beim Schachspiel – die Lösung war vielleicht in jener Zeitungsnachricht zu suchen, über die sie damals auf dem Heimwege vom Kasino gesprochen hatten.