»Davon, daß Herr Rittmeister mit diesem Herrn von Wodersen noch kurz vor der Katastrophe ...«

»Ach so! Was in den Zeitungen steht, ist natürlich Unsinn. Ich habe allen Grund zu der Annahme, er hat sich infolge eines Mißverständnisses totgeschossen. Freilich nicht mit ganz klaren Sinnen. Ich habe früher immer darüber gelacht, daß ein Mann sich so 'was in dieser Weise zu Herzen nehmen könnte – der Fall da hat mich eines Besseren belehrt. Der arme Kerl war mit Haut und Haaren in eine vielumworbene Frau verliebt. Und die machte sich nichts aus ihm. Er aber hoffte immer noch ...

Als er's mir zum ersten Mal erzählte, in einer jener seltenen Stunden, wo man das Visier hochschlägt, lächelte ich darüber. Er sagte: 'Um die Frau schieß ich mich noch einmal tot.' Ich aber zuckte mit den Achseln: 'Verstiegene Redensarten!' Sonst vielleicht ... na schön, an dem verhängnisvollen Tage traf ich ihn. Er war sehr aufgeregt, erzählte mir, er hätte allen Grund zu der Annahme, daß die schöne Frau sich einem anderen hinzugeben beabsichtigte. Und da unterließ ich es leider, ihn trotz besseren Wissens aufzuklären, trotzdem ich diesen anderen und seine eigentlichen Pläne ziemlich gut kannte. Ich wußte, dieser andere war – nicht ohne eigene Schuld natürlich – in eine Verstrickung geraten, die ihm bei klaren Sinnen eine Fessel war, nur er besaß nicht die Rücksichtslosigkeit, sich sofort davon zu befreien.

Zum allergrößten Teil war es Mitleid, denn die Frau lebte in einer unglücklichen Ehe, klammerte sich an ihn wie an den Heiland. Und jetzt ist er bei dem ganzen traurigen Handel eigentlich am meisten zu bemitleiden. Er hatte das Pech, sich hinterher in eine junge Dame zu verlieben, der er anscheinend auch recht gut gefiel. Aber die alte Schuld band ihm die Zunge ... Und jetzt –«

Gaston fühlte deutlich, daß er Worte wiederholte, die vor einigen Wochen ein anderer gesprochen hatte, aber er konnte sich nicht helfen, er mußte sie aussprechen.

»Jetzt kommt es ihm nicht mehr so lächerlich vor, wenn einer sagt, er will sich aus unglücklicher Liebe totschießen. Der arme Kerl, der Wodersen, hat alles aus dem Kopf. Ihm aber frißt ein Geier an der Leber, daß er manchmal ...« Er brach plötzlich ab, starrte mit weit aufgerissenen Augen in eine der dunklen Zimmerecken.

Der Kleine erschrak heftig, ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken. Den Zustand kannte er, in dem man allerhand Spuk sah mit wachen Augen. Er hatte ihn einmal durchgemacht, als er mit Urlaub acht Tage in Königsberg verlumpt hatte, um auch so 'was unterzukriegen, was ihn schwer bedrückte. Als er sich daheim aus notwendiger Enthaltsamkeit wieder ausnüchterte, saß in den ersten Nächten immer ein kleines Männchen mit einem runden Kürbiskopfe auf dem Fußende seines Bettes. Der da drüben sah jetzt wohl etwas anderes ... ein blasses Gesicht mit durchschossener Schläfe ... Und aus anderer Ursache. Weil er sich vor Kummer die Nerven zuschanden gearbeitet hatte, die der ungewohnte Alkohol jetzt noch mehr auspeitschte. Da gab es nur ein Mittel: den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben! Den armen Kerl so vollzugießen, daß er bewußtlos wie eine Tümpelkrähe ins Bett fiel, keine Dummheiten mehr anrichten konnte. Und das war eine Aufgabe nach seinem Herzen. Er schenkte den Rest der Flasche in die Gläser.

»Hoch zu verehrendes Wohlsein, Herr Rittmeister! Hat mich außerordentlich interessiert, was Sie da von dem Herrn von Wodersen erzählten – überflüssig, zu versichern, daß ich's für mich behalte! Aber ich meine, er muß wirklich verrückt gewesen sein. Oder er hatte keine Spur von Pflichtgefühl im Leibe. Wer schießt sich denn tot, wenn er vom Vaterlande gebraucht wird? Da kann man sich doch in entscheidender Stunde vielleicht noch ein wenig nützlich machen. Indem man seinem Zuge bei 'Lanzen gefällt, Marsch, Marsch, Hurra!' mit Gebrüll voranreitet ...«

»Oder seiner Schwadron,« warf Gaston mit schwerer Zunge ein.

»Ganz recht,« sagte der Kleine, »je nach der Stellung, die man auf der militärischen Stufenleiter einnimmt. Das Totschießen besorgt dann nachher die mit Recht so beliebte feindliche Bleikugel. Aber da der Deutsche schon seit Tacitus' Zeiten einen Lokalwechsel braucht, um immer noch einen zu trinken, möchte ich gehorsamst vorschlagen, wir tun desgleichen. Hier in der Nähe gibt es ein vorzügliches Glas Bier. Und da sitzen noch einige Kameraden, die sich mächtig freuen werden, den Herrn Rittmeister zu begrüßen.«