»Dann ist's gut, danke!«
Gaston ritt wieder in den Kreis, und nun kam eine Kritik wie ein Hagelwetter. Der Oberstleutnant Harbrecht pflegte kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Zunächst bekam die Infanterie ihr Teil, weil sie sich durch eine einzige Schwadron Dragoner zu vorzeitiger Demaskierung ihrer gedeckten Stellung hätte verleiten lassen. Dann aber prasselte es auf die Führer der zweiten und dritten Schwadron hernieder, daß die beiden Rittmeister wie zwei begossene Pudel dasaßen. Was die Herren sich wohl dabei gedacht hätten, als sie aus ihrer Bereitschaftsstellung zum Angriff übergingen, ohne die Stärke des Feindes auch nur annähernd durch die in diesem Falle gebotene Nahaufklärung festzustellen? Und den Führer der zweiten, den Rittmeister von Lüttritz, fragte er noch im besonderen, weshalb er es wohl verabsäumt hätte, der Artillerie eine ausreichende Bedeckung beizugeben. Wo er sich doch durch einen einzigen Blick auf die Karte hätte überzeugen müssen, daß ein kurz entschlossener Führer auf der Gegenseite nicht lange fackeln würde, der feindlichen Verteidigungsstellung durch einen schneidigen Vorstoß die Zähne einzuschlagen.
Dem Oberstleutnant Harbrecht war in gerechtem Zorn der Atem ausgegangen, er mußte eine kurze Pause machen. Karl von Gorski neigte sich nach rechts, flüsterte leise: »Du, Hans.«
»Was' los?«
»Ein Jammer, daß die Kommandeure nicht befugt sind, die Todesstrafe zu verhängen. Wenn die verbrecherischen Rittmeister immer gleich geköppt würden, würde das die Avancementsverhältnisse der unteren Chargen doch sehr günstig beeinflussen.«
»Sehr richtig, aber halt den Schnabel, – jetzt kommen wir an die Reihe!«
»Aber mit Schlagsahne natürlich ...«
Und die Prophezeiung traf ein. Der Oberstleutnant sang einen wahren Hymnus auf den Führer der fünften Schwadron. Seine Dispositionen wären klar und richtig gewesen, der plötzliche Angriff aber auf die feindliche Artillerie ein Meisterstück kavalleristischer Taktik. Den günstigen Augenblick wahrnehmen und danach kurz entschlossen handeln, das machte den echten Reiterführer aus! Und er schilderte, wie sich im Ernstfalle die Affäre weiter entwickelt hätte. Die Artillerie zum Schweigen gebracht und überritten, die feindliche Kavallerie im Rücken gefaßt, zu Krautsalat verhauen ... Nach allem Ungewitter schloß der Kommandeur mit der humoristischen Wendung, es wäre immerhin ein Trost, daß die »feindliche Armee« die Niederlage bezogen hätte, nicht aber die eigene.
Der Kreis löste sich auf, die drei Schwadronen, die an der Uebung beteiligt gewesen waren, ritten ins Quartier zurück. Die Fünfte, als die Siegerin, hatte die Ehre, hinter der Regimentsmusik zu reiten, aus nächster Nähe die aufmunternden, lustigen Weisen zu hören. Und auf dem Heimwege bekam der Führer der Fünften noch eine neue Ladung von Lobsprüchen auf sein lorbeergeschmücktes Haupt. Karl von Gorski hatte dem Etatsmäßigen eine begeisterte Schilderung von dem Zusammentreffen an der Grenze gegeben, der dicke Major von Schnakenburg übermittelte sie dem Kommandeur, und dieser setzte sich in Trab, lenkte seinen Gaul neben den Fuchswallach Gastons.
»Hören Sie mal, lieber Rittmeister, Sie haben mich vorhin ein bißchen beschwindelt. Der Zwischenfall mit den Russen war bedeutend sengeriger, als Sie ihn mir in Ihrer Bescheidenheit darzustellen beliebten!«