»Um Gottes willen,« sagte Annemarie halblaut, »sein Bruder! Er kommt, mich zur Rede zu stellen.«
Herr von Lüttritz kratzte sich den Kopf.
»Ich hab's vielleicht beschrien. Der Ernst des Lebens meldet sich! Und was macht man da bloß?«
Gaston richtete sich auf.
»Wenn Sie mir gestatten würden, lieber Lüttritz, den Leutnant von Brinckenwurff in Ihrem Arbeitszimmer zu empfangen?«
»Nicht um alle Länder, die das Meer umspült. Sie kennen ihn nicht so gut wie ich. Der riskiert Kopf und Kragen, wenn er sich 'was auf die Hörner genommen hat. Sie können sich nicht vorstellen, was das Festlein, das wir eben feierten – also was für einen Affront das für die Familie Brinckenwurff bedeutet. Da muß die Angelegenheit diplomatisch behandelt werden!«
Während die beiden Herren noch sprachen, war der Bursche ins Zimmer gekommen und hatte gefragt, welchen Bescheid er dem draußen wartenden Herrn von Brinckenwurff ausrichten solle. Annemarie warf den Kopf zurück, ihre feinen Nasenflügel bebten vor Erregung, aber ihre Stimme klang frei: »Erlaubst Du, liebes Lottchen? Dann sagen Sie dem Herrn Leutnant, ich bin hier!«
Ein baumlanger Offizier trat auf die Schwelle, in dem bartlosen, fast noch knabenhaften Gesicht stand eiserne Entschlossenheit. Er verneigte sich in gemessener Haltung.
»Gnädige Frau – Herr Rittmeister ... ich bitte um Entschuldigung, wenn ich störe ... mein Bruder sitzt in meiner Wohnung, ganz niedergebrochen und zerschmettert ... bei dem nahen Freundschaftsverhältnis, in dem Sie zu Fräulein von Gorski stehen, werden Sie wohl schon wissen, weshalb. Und da werden Sie es mir vielleicht nachsehen, daß ich hier so formlos eingedrungen bin. Ich bitte um die Erlaubnis, Fräulein von Gorski unter vier Augen sprechen zu dürfen.«
Annemarie war zu Gaston getreten. Sie hob den Kopf, aus ihren blauen Augen sprühte heller Zorn.