Da lachte sie ihm zu, sie schüttelten sich die Hände wie ein paar gute Kameraden.

Der Platz von Frau Josepha in der Loge war besetzt. Neben dem Herrn mit dem glattrasierten Gesicht saß ein junges Mädchen in einer Balltoilette aus grellfarbener Seide. Brust und Nacken tief entblößt, auf dem gefärbten Haar ein großer Hut mit wallenden Federn. Sie wußte, daß man sie in eine sogenannte anständige Gesellschaft geladen hatte ... Das war neuerdings ja Mode geworden, daß die Damen aus dem Westen in Begleitung ihrer Herren die öffentlichen Ballsäle besuchten. Und damit nicht genug, bis in die schmutzigsten Nachtlokale kletterten sie hinab. Da brauchte man also kein Blatt vor den Mund zu nehmen; wer sich unter die Treber mengte, den fraßen die Schweine. Und sie sprach unflätige Gemeinheiten, Gemeinheiten, die man in ihrem gewohnten Kreise nicht geduldet hätte, weil man dort einen gewissen äußeren Anstand bewahrte ... hier aber die Damen wollten sich ausschütten vor Lachen! Nur die Herren sahen ein wenig verlegen drein bei den ungenierten Kraftausdrücken, die sie gebrauchte.

Frau Josepha hatte ein paar Augenblicke mit gerunzelter Stirn zugehört, jetzt zog sie ihren Begleiter in die hinter der Loge liegende Fensternische. Ein Kellner in weißer Jacke kaum herzugelaufen, säuberte eifrig mit der Serviette das Tuch auf dem kleinen Tisch.

»Bitt' schön, hier die Weinkarte.«

»Sekt,« entschied Frau Josepha, und, als der Kellner eingeschenkt hatte, hob sie ihr Glas. Sah ihr Gegenüber aus glitzernden Augen an.

»Prost, Herr Hauptmann, und machen's nicht so ein verteufelt ernstes Gesicht! Nehmen Sie sich ein Beispiel an meinem Herrn Ehegemahl, der legt sich nicht den geringsten Zwang auf.« Sie deutete auf den in der Loge sitzenden Gatten, und der Zufall fügte es, daß er sich gerade über den Nacken seiner Nachbarin beugte, sie mit einem himmelnden Ausdruck in den Augen zwischen die gebrannten Halslöckchen küßte. Ein paar feine Puderstäubchen waren ihm in den Hals gefahren, er bekam einen Hustenanfall, an dem er fast erstickte. Einer der Herren in der Loge sprang auf, flößte ihm ein paar Tropfen ein, Frau Josepha rührte sich nicht. Und feindselig sagte sie: »Recht geschieht ihm! Wenn er nur endlich a mal dabei bleiben tät ...«

Gaston sah sie erschreckt an, sie zuckte mit den Achseln.

»Was wollen Sie, vielleicht Mitleid mit ihm haben? Seit wir uns nicht mehr gesehen haben, hat sich vieles hier geändert. Das traurige Gestell da neben ihm soll meine Nachfolgerin werden. Ich bin ja nichts mehr, eine Größe von vorgestern, um mich wird er nicht mehr beneidet. Aber die da, die Lisa Sandori, ist die neueste Sensation. Wann sie abends im Theater die Röckeln hebt über die klapperdürren Knie und zu tanzen anfangt vor dem Einbrecher, der zum Fenster eingestiegen ist, lauft all die Trotteln im Parkett das Wasser im Mund zusammen. Jeden Abend seit zwei Wochen sitzt er mitten drunter, seine Pokerpartie ist deswegen auseinandergegangen. Und hinterher ladet er die Person zum Nachtmahl. Ich immer dabei, denn das wär ja kein Vergnügen für ihn, wann ich nicht dabei wär', die Demütigung nicht schlucken tät ...«

»Ah pfui Teufel!« Er stürzte ein Glas Sekt hinab und setzte es so heftig auf den Tisch, daß ihm der Stiel in der Hand zerbrach. »Und das lassen Sie sich gefallen?«

Sie nickte, ihre Augen wurden plötzlich ganz dunkel.