»Na, da wird doch for jesorgt werden!«
»Kann sein, kann aber ooch nich sein! Und diese Unjewißheit is beinah' so schlimm, wie wenn's schon wirklich Krieg wär. Sie, Herr Feldwebel, merken das nich so, weil Se immer pünktlich Ihr Jehalt kriegen, aber ich! Ich bin nämlich abends Logenschließer ins Joethetheater. In zweiten Rang. Hundeleer, sag ick Ihnen! Keen Mensch hat Jeld! Wenn se sich amüsieren wollen – for zehn Fennje in Kientopp. Vor zwee Jahren ha'ck noch mindestens 'n Taler einjenommen an Trinkjeld. Heute nich fufzig Fennje! ... Und det stand neulich sehr richtig in de Zeitung: Wenn de drückende Furcht vor'n Krieje nich von den Schultern des Volkes jenommen wird, steuern wir rettungslos den wirtschaftlichen Unterjang entjejen!«
Der alte Herr schob zwei Finger der Rechten zwischen die Knöpfe seiner Uniform und reckte sich.
»Janz schön, aber wie denken sich das nu die Herrschaften in der Zeitung? Soll vielleicht Seine Majestät an de Litfaßsäulen kleben lassen: 'Völker Europas, beruhigt Euch! Unsere heilijsten Jüter sind nich in Jefahr, wenn diese Mauseratzenfaller da unten sich mit de Türken 'rumprügeln!'?«
Der städtische Reinigungsbeamte schüttelte den Kopf.
»Nee, Litfaßsäule wär' ja nich jerade nötig. Nur, wenn er mal wieder 'ne Ansprache hält, bei 'n Dineh oder so ... Und wenn er bloß 'ne Ahnung hätt, wie groß de Uffrejung in' janzen Volke is! ... Man kommt aus 'n Theater nach Hause um halb zwölf ... Um fünf in der Früh muß man schon wieder dastehen bei Kolonne, ja ... man zieht sich auf de Treppe de Stiebeln aus, um de Olle nich uffzuwecken, aber se liejt da mit jlockenklare Oogen! Und se schnüffelt mit de Neese, um de Tränen runterzuschlucken: 'Jott sei Dank, det Du man wieder da bist, Heinrich!' 'Na, wieso denn? Meenste, ick wär' unter'n Rollwagen jeraten?' 'Nee, det nich, aber wejen Mobilmachung! De Schultzen drieben in Jrienkramkeller hat aus 'n Abendblatt vorjelesen, wir müßten jetzt ooch das Schwert ziehen, wenn de Russen jejen unsere Bundesbrieder, de Oesterreicher, losjehn würden.' 'Quatsch,' sag' ick natierlich, aber innerlich is mir jarnich so. 'Unser Friedenskaiser wird doch nich uff eenmal Krieg anfangen?' 'Nee,' sagt sie, 'er nich, aber die andern! Und wat mach' ick krankes Wurm denn nachher mit die vier Jören, wenn se Dir dotschießen? Ick steck' zehn Jroschen in' Jasautomaten, laß de Kleenen Schnaps trinken, und denn den Hahn uff.'«
Der alte Feldwebel legte ihm die Hand auf die Schulter.
»Na, na, na, beruhijen Se man det Frauchen! Und mit det Dotschießen is es nicht so ängstlich! Sehen Se mich an! Vierundsechzig, Sechsundsechzig und Siebzig hab' ich mitjemacht, zweiunddreißig Jefechte und Schlachten. Darunter Düppeler Schanzen und St. Privat! Wat is mir passiert? De Dejenscheide haben se mir abgeschossen, so daß ick meinen Paddenspicker barfuß tragen mußt'! Wat aber ihre sonstigen Beklemmungen sind, da sagen Se ihr, Se hätten mit mir jesprochen! Nach meinen Informationen – wenn nich janz wat Dolles passiert – is an Krieg nich zu denken! Wir halten das scharfgeschliffene Schwert in der Scheide und unser Pulver trocken!«
»Na denn, Jott jebe, det es nich losjeht ...«
Durch die halbgeöffnete Flügeltür kam raschen Schrittes ein junger Offizier in Generalstabsuniform. Sein offenes, frisches Gesicht, in dem ein paar kluge blaue Augen standen, hatte etwas ungemein Liebenswürdiges und Sympathisches. Er hob höflich die Hand an den Mützenschirm.