Mit zitternder Hand riß er ihn auf, das Herz schlug ihm bis in den Hals hinauf.
»Mein Liebstes!
In aller Eile ein paar Zeilen, weil ich Dich beim Erwachen nicht ohne Gruß lassen wollte. Ich habe die Nacht nicht geschlafen. Ich lag mit offenen Augen und konnte nicht fassen, was geschehen war. Immer hatte ich Angst, wenn es wieder Morgen würde, wäre es nicht wahr. Dann aber wiederholte ich mir alles, was Du gesprochen hattest, und die selige Gewißheit zog in mein Herz, daß Du mir gehörst und ich Dir, für immer! An Deiner Hand, Du Lieber, in ein neues Leben gehen zu dürfen, die Seligkeit ist so groß, daß ich sie kaum ertragen kann. In einem einzigen Lachen und Weinen gehe ich umher!
Mit dem Widerwärtigen, was heute nacht noch geschah, will ich Dich verschonen, auch all das Ueble und Häßliche soll Dir fernbleiben, was in dem Kampf um meine Freiheit nun mal nicht zu vermeiden ist. Er wird kurz sein, denn ich habe gute Waffen in der Hand.
Heute nachmittag um fünf erwarte ich Dich. Da will ich noch einmal von Dir hören, daß Du mich lieb hast. Dann aber müssen wir für eine ganze Zeit Abschied voneinander nehmen. Sieh, mein liebster Bub, die Tränen fallen mir aus den Augen auf dieses Blatt, weil ich daran denke, daß wir uns vielleicht auf Monate nicht wiedersehen sollen, aber auf unseren zukünftigen Bund soll kein häßlicher Schatten fallen. Kein Gezischel und kein hämisches Gerede soll sich erheben dürfen. Daß wir uns heimlich versprochen haben, geht keinen Menschen was an!
Meine alte Ursel, die um mich ist, seit ich auf der Welt bin, überbringt Dir diesen Brief. Gib ihr mündlich Bescheid, ob ich Dich um fünf erwarten darf. Den Brief aber verbrenne, denn die Leute, mit denen ich's jetzt zu tun bekomme, schrecken auch vor einem verschlossenen Schreibtisch nicht zurück.
Ich umarme Dich und küsse Deine lieben, blauen Augen, die es mir zuerst angetan hatten bei Dir. Ich zähle die Minuten, bis Du bei mir bist.
Josepha.«
Unwillkürlich regte sich in Gastons Brust etwas von dem Gefühl, das er in der vergangenen Nacht empfunden hatte, als er die schöne Frau im Wagen heimgeleitete. In dem Briefe da war etwas, das ihn seltsam ans Herz rührte ... Und daß er sich mit Skrupeln plagte, wo andere, die das Leben leichter nahmen, mit beiden Händen zugegriffen hätten, lag vielleicht nur an seiner übergroßen Gewissenhaftigkeit. An einer schier schulmeisterlichen Strenge, mit der er noch immer sich selbst erzog. Der Landsberger Husar, Herr von Wodersen, war gewiß ein Offizier und Edelmann von untadeliger Gesinnung. Der aber würde ohne ein Wimperzucken sein Seelenheil verpfänden, wenn er in diesem Augenblick an seiner Stelle stehen dürfte! Und die Befürchtung, er müßte seine Karriere aufgeben, wenn er eine gewesene Schauspielerin heiratete, hielt bei näherem Ueberlegen nicht stand. Da ließ sich mit einigem guten Willen zu einer kleinen Vertuschung ein Ausweg finden. In dem kleinen ostpreußischen Städtchen da oben an der Grenze gab es wohl keinen Menschen, der Josepha auf der Bühne gesehen hatte. Da war sie nichts anderes als die geborene Baronesse Nadanyi, die nach schuldlos geschiedener Ehe den Rittmeister von Foucar heiratete. Wenn er sich aber in dem Regiment erst die gesellschaftliche und dienstliche Stellung geschaffen hatte, die ihm bei seinen Fähigkeiten sicher war, sollte wohl niemand auf den Gedanken kommen, daß bei seiner Verheiratung irgend etwas zu bemäkeln wäre. Na, und nachher richtete man sich miteinander ein, so gut es eben ging. Und was heute wie eine Art von Zwang aussah nach dem gegebenen Wort, wurde vielleicht eine ehrliche Zuneigung, auf der man sein Leben aufbauen konnte. Ein fester Entschluß aber mußte endlich gefaßt werden.
Er griff nach der Klingel, sein Bursche betrat das Zimmer.