Gaston wandte sich ab. Grauenhaft war das. Wie in einer Betäubung ging er weiter, zur Stadt zurück. Was sollte er jetzt tun? Einen Irrsinnigen zur Rechenschaft ziehen? Das erledigte sich von selbst, da war kein Wort darüber zu verlieren. Aber das, was dieser Irre zuletzt gesprochen hatte, das blieb hängen, wie ein Pfeil, der mit dem Widerhaken in die Weichen gedrungen war. Das alles war Lüge, eine Ausgeburt krankhafter Phantasie, sicherlich, aber woher sollte er sich Gewißheit holen? Noch einmal in die Rheinthalersche Villa zurückkehren, den Mann beiseite schieben: »Erlauben Sie mal, ich habe mit Ihrer Frau Gemahlin ein paar Worte unter vier Augen zu sprechen?« Oder einen Brief schreiben, den man zu Händen der alten Hexe sicher an die eigentliche Adresse beförderte? Vielleicht hätte Josepha in ihrem stolzen, jede Lüge verabscheuenden Sinn die Wahrheit geantwortet!
Aber darauf kam es ja nicht an. Es war schon genug, daß gegen die Frau, die er heimzuführen gedachte, sich überhaupt ein so schmählicher Verdacht erheben konnte. Daß es einen Menschen geben konnte auf der Welt, der sich brüsten durfte, mit Recht oder Unrecht, sie wäre sein gewesen. Da konnte er nicht drüber hinweg, dafür konnte er seinen Namen nicht einsetzen, das ging nicht an! Es war schon genug, daß er sich damit abgefunden hatte, daß er sie aus den eklen Händen ihres Gatten nehmen mußte ... Nur, wenn man weiter dachte, wo war da ein Unterschied? Weshalb sollte er ihr gerade den ersten verübeln? Dem hatte sie sich vielleicht in heißer Leidenschaft geschenkt, oder sie war in törichter Unerfahrenheit seinen ruchlosen Künsten erlegen, den zweiten aber ... er konnte nicht weiter. Da verwirrten sich auch ihm die Gedanken. Schluß mußte es sein, oder er verlor sich selbst! Und keine Auseinandersetzung mehr. Wie die enden würde, wußte er. Vor ein paar Wochen hatte er über den angeblichen Zauber gelacht. Heute hatten ein paar Augenblicke, in denen diese Frau an seinem Halse hing, hingereicht, damit er sich selbst und sein Schicksal verschwor.
Er hatte vormittags im Fahrplan nachgesehen, gegen neun Uhr ging ein Zug nach dem Osten. Den konnte er noch erreichen, einen Tag in Königsberg verbringen, ehe er weiter nach Ordensburg fuhr. Nur fort und hinaus ...
Nur das Notwendigste wurde eingepackt, alles übrige besorgte der Spediteur. Jedesmal, wenn die Klingel ging, fuhr Gaston zusammen. Als könnte sich noch irgend ein Zwischenfall ereignen, der ihn an der Abreise hinderte. Oder es könnte noch eine Auseinandersetzung geben. Davon hatte er genug. Nur fort und hinaus ...
Erst als der Zug sich in Bewegung setzte, atmete er auf. Ein blödes Wort, das er einmal an der Biertafel gehört hatte, ging ihm nicht aus dem Sinn. »Ein Kavalier reißt nicht aus. Nur, wenn er in Gefahr befindlich ist. Dann aber schnell.« Das paßte auf ihn. Auch er riß aus. Vor einer, der seine Sinne erlagen, wenn sie in seiner Nähe war. Je weiter er eilte, desto weniger konnte sie ihn erreichen. Nur eins beunruhigte ihn ... dort, weit hinten, von wo er kam, blieb sein Wort. Immer länger und dünner wurde der Faden, an dem es hing, aber er riß nicht ab. Noch tausend Meilen konnte er fahren, er riß nicht ab. Freiheit konnte es nur geben, wenn die, die den Faden am anderen Ende hielt, in gutem Willen ihre Hand öffnete. Wort war Wort.
5.
Der nachmittags von Königsberg abgegangene Personenzug bummelte gemächlich nach Südosten, der russischen Grenze zu. Eintönig klang das Läutewerk der Lokomotive, die mit Aechzen und Stöhnen etwa vier Meilen in der Stunde zurücklegen mochte. Ein schnelleres Tempo hätte zu viel Kohlen gekostet bei dem wenig lohnenden Betrieb.
Die brütende Julihitze ließ den sechs oder sieben Reisenden, die am Südbahnhofe eingestiegen waren, die Fahrt noch langsamer erscheinen, als sie in Wirklichkeit war. Der leichte Sommerwind, der ein wenig Kühlung gebracht hatte, war drückender Gewitterschwüle gewichen. Die Schwalben flogen dicht über dem Boden beim Nahrungsfang für die ewig hungrige Brut, und flimmernd, gleich durcheinanderschwingenden Silberfäden, zitterte die sonnendurchglühte Luft über der erntebereiten Erde.
Gaston von Foucar hatte die am Bahnhofe gekauften Berliner Zeitungen gelesen, es stand nichts Neues darin. Eine Erörterung darüber, ob auch Deutschland fechten müßte, wenn sein österreichischer Bundesgenosse von Rußland angegriffen würde. Das war doch selbstverständlich. Alles übrige, wie weit in diesem Falle die Bündnisklausel zuträfe, leeres Geschwätz. Es ging dabei ums eigene Leben. Und töricht wäre es doch gewesen, die äußersten Bastionen aufzugeben, wenn sie mit verhältnismäßig geringen Opfern zu halten waren. Viel wichtiger erschien ihm, daß man auch hier, im Osten des Vaterlandes, auf Posten war. An jeder kleinen Brücke standen Wachen. Das war sehr verständig. Bei dem mangelhaften, noch aus der Zeit der »ewigen russischen Freundschaft« stammenden Ausbau der zur Grenze führenden Bahnen hätten ein paar Sprengpatronen genügt, um den strategischen Aufmarsch um Tage zu verzögern ...
Der Vormittag in der alten Handelsstadt hatte Gaston wohlgetan. Es gab vieles zu sehen, was ihm neu war. Das Leben am Hafen, in dem neben leichten Segelschiffen auch stattliche Dampfer lagen. Krane schwenkten sich mit schwerer Last vom steinernen Kai zu den Schiffen, Ketten rasselten, und Maschinen stöhnten. Dazwischen ein emsiges Getriebe von Menschen, die in allerhand Sprachen durcheinanderschrien, Deutsch, Russisch, Englisch. Ueber dem allen ein undefinierbarer Duft von Wasser und Teer, der unwillkürlich in die Ferne lockte.