»Aber, Mannchen! Blättern Sie mal ein bißchen in dem Buch Ihrer Erinnerungen an den Stellen, die junge Mädchen aus guter Familie nicht lesen dürfen – entschuldigen Sie gütigst, Fräulein Annemarie –, ja, besinnen Sie sich da nicht auf einen gewissen dicken Lindemann? Freiherr von Lindemann auf Borzymmen? Mein Vetter Sternheimb hat uns bekannt gemacht, der lange Kersien von den Königsberger Kürassieren war der dritte im Bunde. Und wissen Sie nicht, wie ich damals in der Jägerstraße den ganzen Bums unter Sekt gesetzt habe? Drei Morgen Weizen hat der Spaß gekostet, aber war doch fidel, was?«
Gaston lachte auf. Jetzt entsann er sich wirklich der lustigen Nacht, und wie sehr er sich damals über den dicken Agrarier amüsiert hatte, der in absichtlich vergröbertem ostpreußischen Dialekt allerhand komische Schnurren erzählt hatte.
»Wahrhaftig, Herr von Lindemann, jetzt fällt's mir wieder ein! Und ich bitte recht sehr um Entschuldigung ...«
»Nitschewo – ich bin nicht so übelnehmerisch! Aber der lange Kersien prophezeite Ihnen damals eine Springerkarriere, wie sie seit Erschaffung der Welt noch nicht dagewesen. Also was sind Sie inzwischen geworden? Generalfeldmarschall?«
»Vorläufig mal erst Rittmeister bei den Ordensburger Dragonern!«
»Na, für den Anfang auch ganz schön! Jedenfalls begrüße ich Sie als schätzenswerte Akquisition unseres Kreises, und man wird sich doch jetzt öfter sehen.«
Der Stationsvorsteher hatte zu seinem lebhaften Bedauern auf den Wunsch seines prominentesten Nachbarn nicht länger Rücksicht nehmen können. Der Aufenthalt auf der kleinen Station hatte schon fünf Minuten über die vorgeschriebene Zeit gedauert. Er gab hinter dem Rücken des Herrn von Lindemann heimlich das Abfahrtszeichen. Der Zug setzte sich ächzend und stöhnend in Bewegung, die Lokomotive stieß pfauchend ein paar weiße Dampfwolken aus. Der Dicke aber war noch nicht fertig. Erst warf er dem Beamten in der roten Mütze einen zornigen Blick zu, dann setzte er sich mit den kurzen Beinen ebenfalls in Bewegung und lief neben dem Wagen her.
»Entschuldigen Sie nur, daß ich vergessen habe, die Herrschaften miteinander bekannt zu machen! Herr Landschaftsdirektor und Reichstagsabgeordneter von Gorski auf Kalinzinnen nebst Fräulein Tochter – Herr Rittmeister Baron Foucar von Kerdesac! Und noch eins, mein verehrter Herr von Gorski« – er erhob seine Stimme – »in der Klinik alles gut abgelaufen? Keine Beschwerden mehr in dem kaputten Fuß?«
Herr von Gorski winkte mit der Hand.
»Danke, lieber Lindemann, alles im Lot! Ich laufe, Gott sei Dank, wieder wie 'n alter Fasanenhahn!«