Der alte Herr sah sein Gegenüber prüfend an. War das nun falsche oder echte Bescheidenheit? Aber die Musterung schien zu seiner Zufriedenheit ausgefallen zu sein, er nickte.
»Mein Vetter Wegener weiß, was er tut! Und Sie kommen gern zu uns nach Ostpreußen?«
»Jetzt noch lieber als früher.«
»Na, das ist recht! Welche Schwadron kriegen Sie denn?«
»Herr Oberst Wegener sprach von der fünften ...«
»So, so ... ich bin durch die sechs Wochen Stilliegen ein bißchen 'raus ... Na, und hat mein Vetter Wegener mir nicht noch irgend etwas Besonderes sagen lassen? Wie's so im allgemeinen aussieht?«
»Nein, Herr von Gorski. Unsere Unterredung dauerte ja auch bloß ein paar Minuten.«
»Na, mir gegenüber können Sie ruhig und ganz offen sprechen. Ich bin alter Herr des Regiments, das Offizierkorps geht in meinem Hause aus und ein, namentlich das unverheiratete,« – ein lächelnder Seitenblick streifte die neben ihm sitzende Tochter – »ja, also da brauchen Sie sich nicht zu genieren. Auch nicht vor Annemarie. Sie ist der heimliche Beichtvater und Vertrauensmann von allen jungen Dächsen im Regiment. Etliche hab' ich sogar im Verdacht, daß sie bei ihr ein bißchen in der Kreide sitzen!«
Annemarie wurde rot bis unter die blonden Stirnhaare und protestierte entrüstet.
Gaston aber spürte eine seltsame Regung, als müßte er ihr über das blonde Köpfchen streicheln und irgend etwas Liebes sagen. So stark war diese vermessene Regung, daß er sich ordentlich zusammennehmen mußte. »Himmlischer Kerl von Mädel«, hatte sie der Oberst von Wegener genannt. Das stimmte, und zu beneiden war der Mann, der sich das mal zum guten Kameraden gewann. Unwillkürlich flogen seine Gedanken weit fort zu einer anderen, stellten allerhand Vergleiche an ...