Gaston schreckte zusammen. Der alte Herr da drüben hatte eine Frage an ihn gerichtet.

»Wie befehlen? Ach so, ja, ganz recht. Es sieht wieder einmal bedrohlicher aus als sonst. Ich persönlich habe natürlich kein Urteil, aber mein verehrter Chef gab mir ein privates Avis an meinen neuen Kommandeur mit. Daraus schließe ich, daß jeder Tag vielleicht die Katastrophe bringen kann. Oder – wie man's nehmen will – die Erlösung aus einer immer unerträglicher werdenden Spannung.«

Herr von Gorski schüttelte den grauen Kopf. »Ich glaube nicht daran. Die Verantwortung ist zu ungeheuerlich! Da überlegen sich's die, in deren Hand die Entscheidung liegt, eher zehnmal als einmal. Namentlich bei unseren Nachbarn im Osten. Da spielen für die Dynastie im Falle eines unglücklichen Krieges noch ganz besondere Interessen mit. Ich habe livländische Verwandte in hohen Hofchargen. Einer von ihnen schrieb mir erst unlängst, die Truppenansammlungen an unserer Grenze sind nur befohlen worden, pour montrer la bonne volonté. Um den Bundesgenossen mit dem großen Sparstrumpf bei guter Laune zu halten.«

»Mag sein, Herr von Gorski. Dafür sieht's an unserer Westgrenze um so bedrohlicher aus. Dort geht's leider nach Stimmungen, nicht nach Erwägungen. Das ganze Volk schreit nach dem Revanchekrieg. Wie ein langsam angestautes Wasser ist es, das jeden Augenblick den Damm zerreißen kann. Mir persönlich wäre es recht. Nichts sehnlicher wünsche ich mir, als meine Schwadron gleich an den Feind zu führen!«

»Bravo!« sagte Annemarie, und Herr von Gorski lächelte.

»Sie ist nämlich mit ihren jungen Freunden vom Regiment unbedingt fürs Einhauen. Sie geht dann als Rote-Kreuz-Schwester mit! Aber was ich schon vorhin fragen wollte, lieber Rittmeister, wo standen Sie eigentlich früher?«

»Bei den Karlsburger Ulanen. Von dort kam ich auf Akademie und nachher in den Generalstab.«

»Ein glänzendes Regiment und eine angenehme Garnison,« sagte der alte Herr. »Und da sind Sie nicht wieder hingegangen?« Die Frage klang ein wenig argwöhnisch.

»Ich hatte meine besonderen Gründe!« sagte Gaston. Damit sollte es genug sein, aber er fühlte, daß Annemaries Augen an ihm hingen. Wie ihm scheinen wollte, mit ganz besonders gespanntem Interesse, und da sprach er offen und ohne Rückhalt. Als wenn das liebe Mädel ein Anrecht hätte, genau zu erfahren, was er fühlte und dachte.

»Also einmal, weil ich gerade Ostpreußen kennen lernen wollte, und dann ... in meiner Heimat nicht nur geht eine Legende, die mir jedesmal, wenn ich auf sie stoße, die Zornröte ins Gesicht treibt. Eine sehr hohe Dame soll angeblich mit besonderer Fürsorge über meine Karriere wachen. Ich habe auch sonst genug gelitten unter diesem törichten Gerede. Mein Vater war Kammerherr dieser hohen Dame an einem der süddeutschen Duodezhöfe. Er starb, als ich ein Jahr alt war, ich habe ihn nicht gekannt. Als ich Offizier wurde, gab mir mein Vormund einen Brief von ihm und klärte mich auf. Mein Vater war im Duell gefallen für die von einem Unwürdigen angegriffene Ehre dieser hohen Dame, war gestorben wie ein Kavalier und Held. Aber meine liebe Mutter faßte das anders auf. Glaubte an eine Schuld, wo nichts weiter gewesen war als die Pflicht eines seiner Herrin dienenden Kavaliers. Sie ging nach ihrer schwäbischen Heimat zurück und erzog mich dort auf ihre Art. Es steht einem Sohne nicht zu, mit der geliebten Mutter zu rechten, aber es wäre vielleicht manches in meinem Leben anders gekommen, wenn ich eine Jugend hätte haben dürfen wie andere. Wie ein junges Mädchen verpimpelte sie mich. Aber da gab es einen Umschwung. Eines Tages hatte ich mal wieder was ausgefressen, aber kam gerade noch mit blauem Auge davon. Wie und wieso weiß ich nicht mehr, aber einer meiner Coëtanen meinte: 'Na ja, wenn man eine Schutzheilige hat – eine richtige, lebendige Großfürstinwitwe, die ihre Gefühle vom Vater auf den Sohn überträgt.' Ich fuhr ihm an den Hals, wir schlugen uns auf schwere Säbel, und in der Festungshaft danach wurde ich ein ernsthafter Mensch. Ein Streber schlimmster Sorte ... Kommandierender General zum mindesten wollte ich werden! Aber ohne weibliche Protektion!«