Denn das macht es aus, nicht nur in der Schriftsprache, im Leben überhaupt sind wir um allen Stil gekommen und merken es nicht. Wie wäre es sonst möglich, daß sich die Menschen nicht zusammenrotteten und die große Mehrzahl ihrer Architekten, ihrer Baumeister, ihrer Schriftsteller, vor allem ihrer Schriftsteller erschlügen? Man müßte heute, um zum Tauglichen wenigstens wieder — „instradiert“ zu werden, alle Städte niederreißen, bis auf den Grund, und so ziemlich alle „gebildeten“ Einwohner dieser Städte töten. Nur so wäre es möglich, mit einer ausgewählten Zucht von jungen Menschen — die man im Wachstum wieder dezimierte —, durch gute Lehrer und treffliche Beispiele unterstützt, etwas Kulturähnliches zu erzielen.
Der Literat hat schweigend zugehört. Jetzt sagt er: „Aber Sie, nicht wahr, Herr von Balthesser, Sie blieben uns doch erhalten? Das heißt, — den andern natürlich, denn ich würde ja wohl auch ausgerottet. Da ich jedoch noch am Leben bin, darf ich mir die Frage erlauben, ob ich Sie, Herr von Balthesser, ‚unterm Strich‘ behandeln kann.“
HERR VON BALTHESSER SPRICHT MIT EINEM BESCHEIDENEN JUNGEN SCHRIFTSTELLER ÜBER BÜCHER
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Man sollte, sagte Herr Andreas von Balthesser, seine Bücher in höchstens 100 Exemplaren drucken lassen, die man verschenkte. Das Papier müßte fest und holzfrei, vorzüglich Bütten sein, die Textsäule ungefähr ein Sechstel der großen Seite einnehmen. Kein Buch wäre zu binden: das bliebe dem Eigentümer und seinem persönlichen Geschmack überlassen. Wenn man, wie dies heute leider noch immer der Fall ist, seine Bücher durch einen Verlag veröffentlichen und sie an den Türen der Redaktionen um ein gütiges Geleitwort bitten läßt, verdient der Autor eigentlich gar nicht, daß ein zärtlicher Schätzer seines Werkes die Gabe ihm mit Dank quittiere. Wozu geht ein Dichter, der etwas auf sich hält, auf den Markt? Um des Ruhmes willen? Den verleiht die Mitwelt nicht. Und er kann dem stillsten Buche zuteil werden, das vergessen in dem Winkel einer kleinen Bibliothek steht. Um des Geldes willen? Wie selten hat ein wirklich vortreffliches Buch seinem Schöpfer Geld eingetragen! Aus Eitelkeit, das heißt des zweifelhaften Vergnügens wegen, sein Werk unter zahllosen unberufenen nach einem berufenen Beurteiler auf der deplorabeln Suche zu sehen?
Sie vergessen, Herr von Balthesser, erlaubte sich der junge bescheidene Schriftsteller zu bemerken, daß man ein Buch wohl ins Ungewisse flattern läßt, gleichwie ein dem Käfig entronnener Vogel, der aus fremden Zonen stammt, ins Ungewisse flattert, daß aber liebevolle Aufnahme ihm zuteil werden kann, von der sein Schöpfer niemals erfährt. Ist das nicht schön? Und bietet der eine Leser, dem Ihr Werk ein süßes Ereignis der Seele geworden ist, Ihrer Einbildung nicht Ersatz für hundert andre, die ihm nicht gewachsen sind?
BALTHESSER: Das ist eine zärtliche Idylle in Wachs, gewickelt in Watte, die mit Rosenwasser befeuchtet ist und verschämt duftet.
DER JUNGE BESCHEIDENE SCHRIFTSTELLER: Ist das ein Einwand, Herr von Balthesser?