ANDREAS VON BALTHESSER SPRICHT MIT EINEM ANDERN LITERATEN ÜBER DAS MONOKEL, ÜBER WITZE, LIEBENSWÜRDIGE SONNTAGSPLAUDERER UND DIE DEUTSCHE PROSA
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Manchmal fragt mich einer, warum ich ein Monokel trüge. Ich antworte mit der größten Offenheit, weil es mir gefiele. Das kann der andre nicht begreifen. Er lächelt mitleidig oder boshaft oder ungläubig, und endlich spielt er seinen höchsten Trumpf aus, wenn er nämlich sehr gut mit mir ist: es sei doch „eine ganz gewöhnliche Fexerei“.
Ich gebe ihm das natürlich zu. Nun ist er erstaunt. „Du siehst das also ein?“ „Natürlich. Einzusehen ist doch keine Kunst. Ich sehe ein und tue doch, was mir gefällt. Ich trage zum Beispiel ziemlich hohe Stöckel und sehr enge Beinkleider. Es gefällt mir. Vielleicht gefällt es mir morgen nicht mehr. Dann werde ich sie nicht mehr tragen.“
„Aber du machst dich lächerlich.“ „Wer macht sich nicht lächerlich? Der eine, indem er Gedichte schreibt, — vor einem Zuckerraffineur; der andre, indem er seinen ergrauenden Schnurrbart färbt, Töchterschülerinnen gegenüber. Sich lächerlich zu machen, ist unvermeidlich. Denn jedermann findet Kritiker. Jedermann. Und wer vor andern kritisiert, wird gern einen Witz anbringen. Man kann Witze machen über die Tatsache, daß Goethe die „Iphigenie“ geschrieben hat. Daran ist nichts zu verwundern. Ärgerlich und zwar für den, der sie anzuhören gezwungen ist, sind nur schlechte Witze. Gute Witze läßt man sich gelegentlich immer gefallen, — besonders wenn sie auf Abwesende gemünzt sind. Also wenn du einen guten Witz über mein Monokel machen willst, so mach’ ihn ungescheut. Aber nur einmal! Oder wenn du ihn unbedingt ein zweites und ein drittes Mal anbringen mußt — eine Geschmacklosigkeit, die ein Zeichen von Armut ist, da du mit dir selbst wucherst — dann mach’ ihn, bitte, das zweite und dritte Mal vor andern. Es wäre dir hoffentlich selbst unangenehm, wenn ich ihn zweimal von dir anhören müßte.“
Es gibt meines Erachtens nichts Beschämenderes, als wenn einer einen Witz — das Unmittelbarste, Blitzähnlichste, was sich denken läßt — zweimal vor demselben Publikum anbringt. Ich erinnere mich eines Professors, der seine „Witze“ in seinem Kollegienheft notiert hatte und sie Jahr für Jahr „vortrug“. Man konnte sich Tag und Stunde ausrechnen, wann sie fallen würden. Es gab „Liebhaber“, die solche Stunden immer wieder aufsuchten. Ich habe das von den Liebhabern womöglich noch geschmackloser gefunden als von dem Professor. Bei ihm war immerhin ein klein wenig Verachtung dabei.
Einer der bei Provinzabonnenten und hauptstädtischen Provinzialen so beliebten Sonntagsplauderer irgend eines Tageblattes schwelgte neulich einmal in der Mitteilung, daß ein kürzlich verstorbener Krösus, der doch ein so fürstlicher Wohltäter gewesen sei, mit dem Kellner um ein unrichtiges Plus von 20 Kreuzern habe feilschen können und nicht nachgegeben hätte, des verächtlichen Lächelns des Kellners unerachtet. Der anmutige Chroniqueur fühlt sich in diesem Punkt dem Nabob verwandt. Auch er feilscht um 20 Kreuzer mit dem Kellner und gibt nicht nach. Und das verächtliche Lächeln stellt sich unfehlbar ein... Es ist ein „feiner“ Unterschied da, den der liebenswürdige Plauderer nicht merkt. Der Nabob konnte sich das erlauben. Er blieb der Nabob. Es ist so, als ob es ihm beliebt hätte, mit durchlöcherten Schuhen spazieren zu gehen. Wenn einer um 20 Kreuzer feilscht, weil ihr Verlust ihn schädigt, ist das sehr natürlich, aber keineswegs eine interessante Perversität... Jener Krösus, der um 20 Kreuzer gefeilscht haben soll, ist mir übrigens nicht einmal interessant. Er konnte sich das erlauben. Ist das interessant, was man sich erlauben kann? Ein andrer kann sich so etwas nicht erlauben. Das ist aber nicht jener charmante Glossator, dem es tatsächlich ein Bedürfnis ist, zu feilschen, weil er das Bedürfnis hat nach dem — Objekt des Feilschens, beziehungsweise seinen Mangel peinlich empfindet. Ich meine den Unnatürlichen, der seine Unnatur fühlt, sie bekämpft und — ihr unterliegt.
Von einem andern Zeitungsschreiber habe ich neulich lesen müssen: Niemals habe die deutsche Prosa auf einer ähnlichen Höhe gestanden wie heute. Es hat deutsche Schriftsteller gegeben vom Range der Schlegel, Grimm, Hoffmann, Kleist, Novalis, Hölderlin, Platen, Stifter, Goltz, Keller! Und der Unglückselige findet, die deutsche Prosa sei heute auf einer Höhe angelangt „wie noch nie“! Heute schreiben sie und „tun so“, „als ob“. Und dieser armselige Festredner glaubt es ihnen. Dabei ist die Grammatik abhanden gekommen. Unter hundert heute landläufigen Schriftstellern kann kaum einer Deutsch. Sie machen Fehler wie die Buben in der ersten Gymnasialklasse und merken es nicht. Sie merken es nicht einmal bei andern: ein Zeichen, daß ihre „stilistischen Ohren“ verstopft sind. Und Dumme und Kluge lassen sich heute so leicht blenden! Es braucht einer nur seine Worte einige Jahre hindurch anders zu stellen, als es die Syntax gebieterisch fordert: er imponiert; zumal wenn ihn die andern „Verbrecher aus verlorner Ehre“ vielfach darum preisen. Seine Unarten werden von unzähligen Schmieranten nachgeahmt; so wird man heute Klassiker.
Ich sage: es ist einfach unglaublich, wie schlecht bei uns geschrieben wird. Kein Volk auf der ganzen Erde mißhandelt seine Sprache so wie das deutsche. Es sollte ein Grimm heute versuchen, sein Wörterbuch mit Beispielen aus der „schreibenden Gegenwart“ zu belegen, er könnte fast nur fehlerhafte Wendungen verzeichnen. Gesetzt, ein Grimm von heute hätte ein Gefühl für die Fehler seiner schreibenden Zeitgenossen.