DER LITERAT: Nicht der schlechteste Umgang.
ANDREAS VON BALTHESSER: Warum die Betonung? Gewiß nicht, aber „an sich“ kein Umgang im „sozialen“ Sinn.
Sprechen wir darüber ohne Gereiztheit. Es ist doch selbstverständlich, daß ein kluger Schauspieler, ein geistreicher und begabter Maler, ein erfahrener und lebendiger Schriftsteller ein besserer „Verkehr“ sind als etwa ein dummer, oder wie die Demokraten unentwegt zu sagen pflegen, ein vertrottelter Sportsmann. Aber — wir streiten ja auch nicht darüber, ob es angenehmer sei, mit hübschen und zugänglichen Balletteusen zu soupieren als mit steifen alten Herzoginnen, sondern, nicht wahr, wir sprechen von der „sozialen Stellung“ und den Gesetzen der „Gesellschaft“. Und in der „Gesellschaft“, darüber sind wir uns doch ganz klar, zählt weder der Klaviervirtuose noch „der Schriftsteller“ noch „der Maler“. Er „zählt“ wohl, aber ich möchte nicht gern so „zählen“, das gestehe ich unumwunden: er zählt als Bestandteil der „Bühne“.
In der Gesellschaft — Sie denken dabei hoffentlich nicht an einen „Jour“? — gibt es immer eine Bühne und — das lächelnd zurückgelehnte Parkett. Ob auf der „Bühne“ einer im Schweiße seines Angesichts Klavier spielt oder — ohne Schweiß — seinen mehr oder weniger berühmten Namen als Schriftsteller oder Maler vorzeigt oder vorzeigen läßt von einem Impresario, der sich meinetwegen im Parkett erhebt, das ist im Grunde dasselbe. „Soziale Stellung“ im Sinne der „Gesellschaft“ hat der Schriftsteller „als solcher“ nicht. Und ebensowenig der Schauspieler. Daran werden alle Tiraden über „Demokratisierung der Gesellschaft“ nichts ändern. Sie verstehen: Ich spreche vom Titel, vom Anspruch, nicht von einzelnen Tatsachen, die sich scheinbar gegen das „Prinzip“ auflehnen. Es gibt ja anderseits auch Gräfinnen, die ganz und gar nicht zur „Gesellschaft“ zählen. Es gibt nur eine Gesellschaft. Auch dies ist ein Axiom, das die nicht anerkennen wollen, die nicht dazu gehören. Man „gehört“ zur Gesellschaft oder — nicht. An der Zugehörigkeit zur Gesellschaft kann einem der Verkehr mit Schriftstellern nichts rauben — ebensowenig wie der Verkehr mit Balletteusen. Wer aber mit Balletteusen — verwandt ist, der gehört nicht zur Gesellschaft, und ein veritabler Schriftsteller in der Familie ist auch keine Annehmlichkeit, verstehen Sie mich? Wenn der Schriftsteller sehr berühmt und sehr reich ist, so schadet er einem nichts, hören Sie, im besten Fall schadet er nicht. Auch ein Strumpfwirker in der Familie schadet nicht, wenn er — Millionär ist. Und das hat Sinn. Ja, dieser Unsinn, wie die Leitartikler sagen, hat Sinn. Denn es ist klar, daß der Strumpfwirker, der Millionär ist, sich in irgend etwas von dem Strumpfwirker, der sich 2000 Gulden im Jahr verdient oder noch weniger, unterscheiden wird, und zwar durch Lebensgewohnheiten. Sehen Sie, darauf kommt es an. Dem Strumpfwirker-Millionär erlaubt man sogar, sich seine „Gewohnheiten“ erst anzugewöhnen. Man drückt ein Auge zu und blinzelt verliebt zur Million hinüber. Das mag kleinlich sein, aber es ist sehr natürlich und wie alles Natürliche „echt“. (Nicht alles „Echte“ anderseits ist — natürlich.)
Also noch einmal, es gibt nur eine Gesellschaft. Das ist eine Tatsache, die man angreifen oder beklagen kann, aber nicht hinwegdekretieren. Freilich machen die Gesellschaft nicht die aus, die sich unbefugt selbst dazu zählen, auch nicht die, die von beflissenen oder — verwandten Reportern auf dem geduldigen Papier dazu gezählt werden. Nicht die Leute etwa, die ein Wohltätigkeitsfest gelegentlich in Verkaufsbuden vereint, gehören zur Gesellschaft. Sie sind arme Teufel, wenn sie sich’s darum einbilden... Ich bin neulich auf der Straße einem mir nach Abbildungen in illustrierten Zeitschriften bekannten Komponisten begegnet. Er ging mit seiner Frau. Sie trug natürlich die entsetzliche Reformtracht. (Haben Sie schon jemals eine „Dame“ auf der Straße in Reformtracht gesehen? Ich nicht; und das hat wiederum Sinn und ist sehr begründet.) Er den Künstlerhut und die liebliche Mähne aller Komponisten. Ich möchte wissen, weshalb Komponisten immer Mähnen haben? Warum sie immer schlecht gekleidet sind, weiß ich sehr genau: weil sie sich über derlei Dinge erhaben fühlen, oder, wie ich es mir auszudrücken erlaube, davon keine Ahnung haben. Aber ich frage Sie, warum tragen Komponisten immer Mähnen? Es ist scheußlich, aber „künstlerisch“. Muß also nicht der „Künstler“ als öffentliche Erscheinung für den wohl erzogenen, den lautlosen Menschen ein Greuel sein. Wer sorgt dafür? Die Künstler mit ihren Sammetjacken und -baretten, mit ihrer Löwenmähne und den Reformkleidern ihrer Frauen. Und das sind die Menschen des „höhern Seins“, die Menschen der Kunst, der „Blüte der Kultur“.
Hat nicht der „gigerlhafte“ Aristokrat mit seinen engen Beinkleidern und dem fabelhaft gut gemachten Rock (nicht nur der Schneider macht gute Röcke, das ist ein Irrtum: der Träger macht den guten Rock oder — läßt ihn machen), hat er nicht mehr Kultur im Leibe?
Also, um auf meinen Komponisten zu kommen: Er trug seine Löwenmähne — es war ein nicht eben sonderlich warmer Frühlingstag — ungekämmt zur Schau, nämlich den Hut in der Hand oder auf seinem Spazierstock, glaube ich, ja, ja, auf seinem Spazierstock. Ich frage: Tut so etwas ein andrer Mensch als ein „Künstler“? Sie werden mir da natürlich den göttlichen Übermut dieses ungebundenen Völkchens und die berühmte rote Weste Gautiers zitieren usw. Erstens aber ist damit gar nichts „bewiesen“, denn die rote Weste Gautiers, wenn sie auch vielleicht die Philister reizte — und eben darum eine arge Geschmacklosigkeit bedeutete: es ist geschmacklos, den Philister zu reizen —, war immerhin, da sie die Farbe betonte, im Gegensatze, sagen wir: zur Nüchternheit der Philisterumgebung, etwas Malerisches, ein (grobes) Symbol, aber was ist an der ungekämmten Mähne eines Komponisten malerisch? Und dann: die ganze Sache ist ja gemacht. Alles aber, was gemacht ist, ist geschmacklos. Der „gigerlhafte“ Aristokrat ist nicht „gemacht“. Es ist das eine Sache der angeerbten Unnatur, vielmehr: der natürlichen Unnatur, also doch Natur, ein Cachet, das nicht aufgeklebt ist, sondern aus dieser seiner „unnatürlichen Natur“ fließt. Daß aber der Dirigent seinen Hut, seinen „Künstler-Schlapphut“, auf seinem Spazierstock vor sich her trägt, neben seiner Frau, die in Reformtracht, Lilien über der Sitzfläche, durch die Stadt zieht („zieht“ ist das Wort), ist Mache, riecht nach dem Theater, ist ekelhaft prononciert, im besten Fall unerträglich lächerlich. Darin, daß sich jemand „auffallend gut“ kleidet, kann ich nichts Lächerliches finden. Die bizarre Erscheinung dieser schlanken Arabeske nimmt sich, meine ich, sehr gut aus. Ich fühle Kultur, die Kultur der Gepflogenheit, in dieser Art, sich ein wenig auffällig zu kleiden. Selbstverständlich ist höchste Vornehmheit unauffällig. Aber ich wette um den Lockenkopf des liebenswürdigsten „Gesellschafts“-Zeilen-Plauderers, daß dieser Löwe der literarischen „Jours“ an ihr immer wieder vorbeisieht. Dieser naseweise Herr, der sich, literarisch bis in die abgebissenen Fingernägel, für Gautiers rote Weste begeistert und sich in einem frischgebügelten Waschleinenanzug für Oscar Wilde hält, ist bei all seiner Belesenheit oder — Angelesenheit ein Mensch, der, was den Geschmack betrifft, meist tief unter dem kleinsten Kavallerie-Kadetten aus gutem Hause steht, als welcher außer dem Wallenstein — in der Kadetten-Schule — von den Klassikern wenig erfahren hat und lieber das kleine Witzblatt liest und die Personalnachrichten des Salon- und Sportblatts als das „Textbuch“ zu „Tristan“. Jener fade Enträtsler der unter den Falten ihres Reformgewandes verborgenen Psyche des modernen Weibes hat keine Ahnung von der Kultur der Gepflogenheiten. Was er „Elegantes“ tut oder besser: „vollführt“, denn es ist falsches Pathos in seiner Beflissenheit, ist Surrogat. Aber weil er „unterm Strich“ den wehrlosen Barbey d’Aurevilly zitiert, dünkt sich der Federstilgewandte mehr als jener harmlose Kavalleriekadett aus guter Familie. Er ist rührend, dieser Trugschluß. Nein, er ist nicht rührend, denn er ist allzu unbescheiden. Die Vernunft, das Wissen, das Schreiben ist gar nichts. Das Selbstverständliche ist alles.
Ob einer „selbstverständlich“ malt wie Velasquez oder „selbstverständlich“ dichtet wie Shakespeare oder „selbstverständlich“ ein Pferd reitet, im Grunde sind das alles Äußerungen einer einzigen Kraft, der Natur. Wenn aber der „unterm Strich“ Vauvenargues — „man kennt die sublime These „„des““ Vauvenargues“ (natürlich hat er sie soeben erst in der gestern als Rezensionsexemplar ihm zugewiesenen Übersetzung gelesen) — zitiert und gewohnheitsmäßig zu diesem Behuf seine walzenrunden Manschetten auszieht und vor sich auf den Tisch stellt, so ist das ein Produkt der „Bildung“, ein Exkrement der Bildung sozusagen, eine häßliche und übelriechende Sache.