Endlich bat er mich um Verzeihung. Ich verzieh ihm großartig. Dann begleitete er mich in das Ankleidezimmer. Ich mußte schon ein übriges tun und gnädig sein. Und da ich ihn einlud, mit mir die Oper zu besuchen, verlangte er Kamm und Bürsten und richtete sich etwas menschlicher her...
Ist das nicht ein Abenteuer? Ich gestehe, daß ich es gegen keinen der berühmten Postwagenüberfälle in den noch immer so beliebten, weil im Aussterben begriffenen romantischen Gegenden auszutauschen Lust hätte. Sie werden sich wundern, daß ich die vollen Namen der agierenden Persönlichkeiten genannt habe; noch mehr jedoch, daß Sie diese Namen heute zum ersten Male vernehmen, da Sie, Gräfin, was die hiesige Gesellschaft betrifft, immerhin einige Personen- und Sachkenntnis zu besitzen meinen. Nun denn, verzeihen Sie mir, daß ich Sie — nicht entrüste: sie sind erfunden.
Stets in Verehrung der Ihre
Andreas Balthesser.
ANDREAS VON BALTHESSER SPRICHT MIT EINEM LITERATEN ÜBER DIE GESELLSCHAFT, DIE KÜNSTLER UND IHR GEHABEN UND DAS SELBSTVERSTÄNDLICHE
A
ANDREAS VON BALTHESSER: Der Hauptgrund der nicht wohl abzuleugnenden Verwirrung, in der sich bei den Deutschen heute die Literatur befindet — ich meine das Gemenge von Echtem und Falschem, vor allem aber die beängstigende Übermacht des verrucht täuschenden Falschen, dichterisch Unerlebten — der Hauptgrund dieser bösen Unkultur unsres Schrifttums scheint mir die einigermaßen fragwürdige soziale Stellung des Schriftstellers gerade bei uns und gerade heute. (Anderseits freilich dürfte wiederum die Masse, wie überhaupt im sozialen Leben, den Stand drücken.) Erst wenn ein Autor sehr großen Ruhm und natürlich auch sehr viel Geld erworben hat, duldet ihn die Gesellschaft, und auch dann nur mit jener unverschämten Neugierde, wie man sie sogenannten farbigen Rassen entgegenbringt. Als voll nimmt sie ihn ja doch nicht. Deshalb darf der Schriftsteller, der etwas auf sich hält, während man von ihm noch nicht entsprechend viel hält, das Schreiben gewissermaßen nur incognito ausüben, geschehe dies auch noch so — öffentlich. Er muß etwas „daneben“ sein, mindestens ein Herr X, Sohn des Herrn Y. Ein Mensch, der „nur“ Schriftsteller ist und noch nicht den großen Ruhm und sehr viel Geld erworben hat, trachtet, sich für seine Stellung außerhalb der Gesellschaft durch allerlei Mittelchen auf seine Weise zu entschädigen. Er macht aus der Not die bekannte Tugend. Er sucht aufzufallen. Er setzt sich in Szene. Wenn er schon nicht mit den Menschen leben kann als einer ihresgleichen (und es ist sein heimlicher Neid), so sollen wenigstens möglichst viele um ihn herum stehen und ihm verwundert zusehen.
DER LITERAT: Was Sie da von dem Schriftsteller sagen, ist eine grausame Wahrheit, die die wenigsten von uns einsehen mögen, wie man eben immer gerade das nicht „einsehen“ will, was man am besten weiß. Sie haben aber bei Ihrer „Soziologie“ vergessen oder übersehen, daß das „Soziale“ ein dehnbarer Begriff ist, zumindest wie alle Begriffe relativ.
ANDREAS VON BALTHESSER: Ich finde nicht, daß Begriffe dehnbar seien. Dehnbar, das heißt doch wohl elastisch, sind die von den Begriffen zugedeckten Dinge. Der Begriff aber ist immer sehr hart, sehr hölzern, sehr „Deckel“. Doch dies nebenbei. Sie meinen, ich hätte übersehen, daß der Schriftsteller soziale Beziehungen hat und pflegt. Ja, gewiß, zu andern Farbigen: Schauspielern, Virtuosen, Malern...