„Du kannst gehen“, hatte ich noch Zeit, meinem Diener winkend zuzurufen, sonst hätte der Kerl aus dem Repertoir von Tagesblättern und Lieferungsromanen eine willkommene Gratisgabe erhalten.

Als er sich rasch und lautlos — er darf nie frisch besohlte Schuhe tragen (wie er das anstellt, ist seine Sache) — hinwegbegeben hatte, nötigte ich Haller, dem ich meine für den Abend noch nicht behandelte Hand reichte (wenn ich einmal meine Finger kultiviert habe, lasse ich sie nur in Handschuhen anrühren), auf den einen der beiden mächtigen Lederlehnstühle zu Seiten des mit einem schmiedeeisernen Gitter diskret geschmückten Kamins. Er warf sich zwar so, daß die Federn stöhnten, auf die breite Sitzfläche zwischen den hohen Armstützen, sprang aber auch sofort, als ob es ihn nicht litte, wie ein Gaukler auf und mir fast ins Gesicht. Ich bot ihm — er sprudelte schon eine Menge vager Worte — Zigaretten an. Es wies sie ab.

Kurz, — ich hatte es ja längst geahnt — er hat mich, brüsk und vor mir aufgepflanzt wie bei einer Fechtakademie, nach meinen Beziehungen zu seiner Schwester gefragt. „Ich weiß alles!“ schrie er. (Das ist die dümmste Art, mir beikommen zu wollen.) Und dann ergab sich wie ein gelöst rollender Knäuel Bindfaden die ganze umständliche Geschichte. Es ist zwar bekannt, daß er seine Schwester seit je beargwöhnt hatte. Ich habe auch immer die, wie ich nunmehr sah, gegründete Überzeugung gehegt, daß er uns mindestens beobachten ließe. Aber mich verdroß die, wie gesagt, theatralische Manier, mit der er dieses höchst zwecklose Gespräch in Szene setzte.

Die Baronin Alice Sigmar-Bouvelle ist eine jener Damen, die — wie soll ich mich ausdrücken? — einfach nicht anders können. Sie ist sehr schön, groß, gut gebaut und von dieser unersättlichen blonden Rasse, die so reizend hinter einem müden — darf ich sagen: „Sehnen“? — eine stete, sehr amüsante Glut zu verbergen weiß. Sie ist mir im Grunde so gleichgültig wie meine Uhrkette. Aber die Grazie, mit der sie eine glimmende Zigarette, den Arm leicht über ein Polster gelegt, mit fast geschlossenen Augenlidern betrachtet oder wie sie mit einem federnden Schwung sich von der Handfläche, die man ihrem kleinen Fuß unterschiebt, in den Sattel hebt und niedergleiten läßt, gefällt mir über alle Maßen. Und einmal hatte ich, als sie mir die Hand bot, diese Hand von unten nach oben gedreht und über dem etwas gepreßten Ballen durch den kleinen Ausschnitt im Handschuh geküßt. Dann hat sich alles sehr einfach arrangiert. Es war keine besonders mühsame Geschichte. Und bald langweilte mich die Sache, so leid es mir tat, die bequeme Situation zu verlassen. Kam mir da der Bruder mit dem unangemessenen Aufwande!

Ich zündete mir — es war vorauszusehen, daß ich ja nun doch zu spät ins Theater kommen würde, und die Zähne hatte ich mir nach all dem Gerede, das folgen sollte, gründlichst von neuem zu putzen — ich zündete mir gelassen (wenn ich auch allmählich von der Brust aufwärts gegen den Hals hin leise zu zittern begann) eine Zigarette an und sagte — ich weiß genau die langsamen Worte —, sagte nichts als: „Willst du dich mit mir schlagen?“ Das wirkt immer famos. Er hielt in seiner unablässigen Wanderung zwischen dem Kamin und meinem Schreibtisch, Gott sei Dank, für einen Augenblick inne und sah mich an (ich bemerkte, daß sein Schnurrbart heute nicht gestutzt worden war).

„Ich will Gewißheit,“ sagte er sehr laut. Wieder so ein Wort der Theaterstückeschreiber! „Was für eine ‚Gewißheit‘?“ fragte ich, mich zurücklehnend und den dünnen blaugrauen Rauch in kurzen Stößen aus der Nase entlassend. „Daß du mit meiner Schwester...“ Es kam ihm nicht von der Zunge. Ich begreife das. Mir wäre das auch höchst fatal. „Lieber Freund,“ sagte ich und richtete mich etwas auf (ich hatte den Nacken zu fest an den Hemdkragen gedrückt), „sei nicht böse, aber du bist — entschuldige schon — komisch.“

„Reize mich nicht noch mehr!“ polterte der alberne Mensch wieder.

Ich mußte unwillkürlich lächeln. Er, diese knarrende Windfahne, sprach von „reizen“! „Übrigens hast du gesagt, du wüßtest alles.“ Er beging nun (natürlich!) die große Unvorsichtigkeit, zu entgegnen: „Also doch!“

Da stand ich auf. Ich steckte beide Hände in die Taschen meiner Beinkleider und erhob ein wenig die Stimme: „Lieber Alter, verzeih, wenn ich jetzt etwas sehr Unanständiges mir zu — flüstern erlaube: Ich wollte fast — du wüßtest ‚alles‘; dann — wüßte ich es auch...“ Er war augenscheinlich überrascht. Ich aber, jetzt gut eingefahren, setzte hinzu: „Und die Baronin hat doch einen Mann.“ Er schwieg. Ich bot ihm eine Zigarette an. Er nahm sie geistesabwesend.

„Schau, Ernst, (ich riskierte jetzt den Vornamen, gleichzeitig überlegte ich, ob ich Benedikt rufen sollte, daß er Kognak hereinbrächte), schau Ernst, du bist — du verzeihst schon —, du bist ein Narr. Blamier’ dich nicht! Der Fredi (Alfred Baron Sigmar-Bouvelle ist der glückliche Besitzer meiner ‚Passion‘), der Fredi würde ‚sich kugeln‘“, (ich wählte diese ‚gemütliche‘ Ausdrucksweise, da ich nun die Gewißheit hatte, noch einen Teil der Ouverture von Carmen zu retten, die ich so gerne höre), „wenn wir ihm diesen Besuch erzählten.“ Ernst Haller setzte sich. Ich ließ Kognak bringen. Wir rauchten schweigend.