Das Gespräch erzogener Menschen meidet jegliche Auseinandersetzungen. Es bewegt sich leicht, spielend, gewissermaßen mit fröhlicher Ironie, die jedermann zugänglich ist, tändelnd auf Wandelwegen im duftigen Schatten beschnittener Hecken. Es mag manchmal langweilen, aber es will keinen „sachlichen“ Ernst. Es bietet keine groben Handhaben, wie sie die stämmigen Dauerredner überall angebracht sehen wollen, sich mit der Wucht ihrer Überzeugungen dranzuhängen. Es ist nicht ohne das feine Parfüm des Mißtrauens. Es hat vor allem keinerlei jeder Behaglichkeit so gefährliche Individualität.

Wir sind zusammengekommen, uns in leichtsinniger Stimmung mit heitern, an sich völlig belanglosen Worten zu vergnügen. Es steht bei den einzelnen, sich zu beteiligen oder mit verbindlichem Lächeln zeitweilig außer den Kreis der „Aktiven“ zu treten.

Gute Gesellschaft ist ohne Meinung. Der Causeur referiert nicht — ein Referat ist der plumpe Grabstein der Konversation —, noch weniger urteilt er. Urteile in der Causerie sind ein Zeichen schlechter Erziehung.

GLOSSEN ZUR PSYCHOLOGIE DER KLEIDUNG

G

Gut gekleidet sein, heißt vor allem nicht auffallend gekleidet sein. Alles Vollkommene ist unbefangen, selbstverständlich.

Das zweite Gesetz lautet: Solidität. Auch dieses wird seine Anwendung überall im Leben bestätigen, wo etwas Vollendetes vorliegt.

Es ist zum Beispiel durchaus nicht selbstverständlich, die Manschetten und Kragen an das Hemd anzuknöpfen. „Selbstverständlich“ ist das Hemd aus einem Stück. Sparsamkeit aber, womit man allenfalls die Teilung zu rechtfertigen sucht, ist ein Begriff aus einem andern Reich, der in das „künstlerische“ Gebiet der Kleidung hineingetragen wird, wie man in die Dichtung das moralisierende Element, die Tendenz, hineingetragen hat als ein wesensfremdes. Tendenzen wie „angeknöpfelte“ Manschetten und Kragen sind sicherlich „zielbewußte“, aber darum nicht eben schönere Dinge. Stil lehnt jedes Kompromiß ab. Das Kompromiß bringt den Stil um. Es ist stillos, an das Hemd einen Teil durch mechanische Mittel anzufügen, der mit ihm ein Ganzes vorzustellen hat und — darin liegt das Unreelle, also Gemeine der Sache — dieses Resultat vorzutäuschen beabsichtigt. Die vollkommenste Täuschung bleibt eben als Täuschung ein armseliger Kniff der Unzulänglichkeit, die das Zulängliche kennt, schätzt und — den Schein der Zulänglichkeit erschleicht.