Noch eines: Wer Manschetten und Kragen aus „Schonung“ an das Leibstück anknüpft, trachtet im Grunde nur über die Tatsache hinwegzutäuschen, daß er ein bereits gebrauchtes Hemd nicht zu wechseln pflegt. Er verschweigt sein verschmutztes Hemd, indem er die sichtbaren Ausläufer — Kragen und Manschetten — durch reine Stücke ersetzt. Man darf das gebrauchte Hemd nicht ein zweites Mal anziehen. Das mag kostspielig sein, aber — sich gut zu kleiden, ist eben nicht wohlfeil. Daran ist nichts zu ändern.
Über die „Fasson“ des Anzugs entscheidet natürlich die Mode. Aber nur bis zu einem gewissen Grade. Einem Menschen, der sich mit Verständnis und Geschmack zu kleiden weiß, hat die Mode nichts zu befehlen. Nie wird er sich ihr blind unterwerfen, aber auch nie gegen sie demonstrieren. Eines ist ebenso geschmacklos wie das andre.
Kreationen freilich mag man geruhig einem tonangebenden König überlassen.
So wie ein wohlerzogener Geschmack nicht „Leder“-Tapeten oder ein Gips-Gebälk in der Wohnung duldet, ebenso wird er das angefertigte „Flüchtige“, die steif gefaltete und „fertig“ genähte Krawatte und den unwandelbar mit „Bug“ versehenen Strohhut verabscheuen. Sicherlich auch wird der Mensch von Geschmack seine Schuhe selbst schließen, also entweder zuknöpfen oder zuschnüren, nicht in ein durch Gummiteile gefügig gemachtes Stiefelgehäuse schlüpfen, auch nicht wie ein Negerhäuptling über einem Wolleibchen ein „Vorhemd“ — schon der Name riecht nach Kannibalentum — baumeln lassen. Derlei Dinge sind auch nur noch in deutschen Landen „diskutabel“, wo man allen Ernstes erwägt, ob man an der Hotel-Abendtafel in Kniehosen und Wollhemd teilnehmen dürfe oder nicht, und wo das Messer ebenso unfehlbar zur — Torte gehört wie das Tellerchen aus gepreßtem Glas mit neckisch untergelegtem gesticktem Tüchlein samt dem Miniaturlöffelchen zum „Eis“...
Das sind die Axiome. Alles übrige ist „Nuance.“ Doch wer wird von den „letzten Dingen“ — den wechselseitigen zarten Beziehungen der einzelnen Kleidungsstücke untereinander — zu Honoratioren und sonstigen Unsäglichen sprechen, die den Abend-Gesellschaftsanzug, den Frack, als des brav aufwartenden Bürgers Vormittagsfestgewand ansehen, die das Straßen- und Besuchskleid, den Gehrock, aus dem Verließ des Garderobeschrankes hervorholen, wenn sie mit der seidestarrenden Ehehälfte zur — Sommersonntagsfahrt ins Grüne sich rüsten, die etwa gar den zeremoniellen Zylinder mit dem bequemen gelben Schuh in Geberlaune zum farbigen Akkord zwingen und dem Gehrock durch die — Frackweste und die schwarze Smokingschleife größere Feierlichkeit zu verleihen meinen!
HERR VON BALTHESSER GIBT SEINE ANSCHAUUNGEN VOM VERKEHR ZUM BESTEN
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Menschen und Bücher, die immer von der Aristokratie des Geistes reden, sind mir tief verdächtig. Ganz abgesehen davon, daß ich nach meinem persönlichen Geschmack die Aristokratie der Geburt weitaus der des Geistes vorziehe, im Umgange, heißt das. An den Verkehr stelle ich hohe Anforderungen, die der gebürtige Aristokrat mühelos erfüllt, der „geistige Aristokrat“ leider zumeist ganz unerfüllt läßt. Ich verlange zum Verkehr nicht Menschen, die immer das letzte Werk des neuesten Norwegers schon gelesen haben, sondern Menschen, die sich mit Unbefangenheit gut zu benehmen imstande sind. Wer da glaubt, das seien bescheidene Ansprüche, der täuscht sich gewaltig. Es ist viel „leichter“, einen geistreichen Essay zu schreiben, als ein tadelloses Benehmen zu entwickeln. Denn einen geistreichen Essay zu schreiben, das erfordert außer Technik des Handwerks und einiger Bildung noch den sogenannten Geist, beziehungsweise — sein Spiegelbild. Tadelloses Benehmen aber ist lautloser Lebensrhythmus.