Tadelloses Benehmen ist kein Additionsergebnis. Es läßt sich durchaus nicht in einem Anstandsbüchlein auseinandersetzen, wie es pomadisierte Ladenjünglinge der Konfektionsbranche in den Pausen ihres schwierigen „Verkehrs“ mit den Damen der Hauptstadt voll Beflissenheit studieren. Tadelloses Benehmen ist überhaupt nicht erlernbar, sondern eine „Rasse“eigentümlichkeit, etwa wie die Hautausdünstung der Schwarzen. Das „Aristokratische“ ist keineswegs immer tadellos. Aber sicherlich haben von 100 Aristokraten 90 ein sicheres Benehmen. Unter 100 Nichtaristokraten hingegen sind 98 in ihrem Benehmen ganz und gar unmöglich. Und ich ziehe es entschieden vor, mit weniger geistreichen Leuten, die sich „benehmen“ können, zu verkehren, als mit Leuten ohne Benehmen, sie mögen im übrigen das Gebildetste auf der Welt sein.

Diese schreiben ja heutzutage zumeist Bücher. Und es ist doch weitaus bequemer und amüsanter, in ihren Büchern zu blättern, die man jederzeit weglegen kann, als sich die Last eines Verkehrs aufzuhalsen, der aus vollen Schüsseln der Intelligenz mit — ästhetischer Roheit spendet. Es ist aber leider zehn gegen eins zu wetten, daß der scharfsinnige Autor eines lesenswerten Buches im „Leben“ ein unästhetischer Mensch sei. Deshalb vermeide ich auch lieber persönliche Bekanntschaften aus dem „Reiche des Geistes“, die mir höchstens den guten Eindruck eines Buches verderben könnten.

Entrüsteten Ausrufzeichen aber begegne ich mit einer Darstellung dessen, was ich unter einem „unästhetischen Menschen“ verstehe. Die Entrüsteten denken natürlich zuerst an das Nasenbohren und Kopfhautkratzen, als welches sie sich doch schon seit dem Gymnasium abgewöhnt hätten; sie denken, wenn sie auf weitere Fortschritte in der Schule des Benehmens stolz sind, an das Ausspucken und Mit-dem-Messeressen. Aber das sind die allergröbsten „Handgreiflichkeiten“. Sich über derlei aufhalten, hieße Spucknäpfe in Bureaulokalitäten tragen. Ich meine ganz andre Dinge. Ich habe es, als ich in jüngern Jahren nicht umhin konnte, manchmal „Picknicks“ der sogenannten gebildeten Stände aufzusuchen, z. B. stets im höchsten Grade unästhetisch gefunden, wenn ein junges Mädchen bei der Quadrille mir von Maeterlinck zu sprechen anhub. Es ist mir tausendmal lieber, wenn ein junges Mädchen zu ihrem Tänzer sagt: „Finden Sie nicht, daß es heute sehr heiß ist?“ Auf mein Wort, mir ist das tausendmal lieber. Aber das Mädchen, das mit mir, in dem sie den Dichter sah (ich hasse alle Leute, die „in mir den Dichter sehen“), bei der Quadrille von Maeterlinck zu sprechen anhub und sich wunder was darauf einzubilden imstande war, hat dem nächsten Herrn doch gesagt: „Finden Sie nicht, daß es heute sehr heiß ist?“ Diese Tochter der gebildeten Stände richtet nämlich ihr Benehmen ein. Ein Mensch von Benehmen aber richtet niemals sein Benehmen ein. Er hat ein Benehmen, und das geht von ihm aus wie der Heugeruch vom Stallburschen.

Der unästhetische Mensch ist entweder befangen oder ungeniert. Beides ist gleich peinlich. Der Befangene ist immer um einen halben Takt voraus oder zurück; er stört jede Situation und bittet beständig um Entschuldigung, flüstert hinter der hohlen Hand und behandelt Bediente mit Ehrerbietung, wofür ihn diese natürlich gebührendermaßen verachten. Der Ungenierte ist von aufreizender Kordialität. Er drückt alten Damen die Hand, nimmt mit vorgespreizter Handfläche „das Wort aus dem Mund“, tritt aufgeräumt zu Spieltischen alter Herrn, denen er in den Nacken hustet, wendet sich mit unpassender Vertraulichkeit an den servierenden Bedienten. Niemals wird ihm in seiner Gottähnlichkeit bange, er hat keinerlei Menschenfurcht: ihm kann nichts geschehen, man müßte ihn denn niederschießen.

Eine der schrecklichsten Sorten unästhetischer Menschen sind die noch in der Entwicklung begriffenen „Elegants“. Sie haben Bewegungen des Rückgrats, die verstimmend auf die Magennerven wirken. Ihre abgezirkelte „Nonchalance“ könnte unter Umständen humoristisch wirken, wenn sie nicht mit Ernst quittiert werden müßte! Die Art, wie sie Bein über Bein schlagen, während sie den Zucker in der Tasse schwarzen Kaffees umrühren, ist geeignet, den umgänglichsten Menschen zu ihrem Todfeind zu machen. Sie spielen immer den Überlegenen, und eine ihrer reizendsten Kombinationen ist die arrogante Verlegenheit, mit der sie angebliche Indiskretionen vorbringen, um die sie niemand ersucht hat.

Das Ekelhafteste auf der Welt aber ist der „Schöngeist“ in seinen verschiedenen Spielarten, als da wären: die leicht chokierte ältliche Dame aus geachteter Beamtenfamilie, der im Cönakel „gefeierte“ Schriftsteller, der den Weltmann spielt und auf Schritt und Tritt Nüancen fallen läßt wie Knallerbsen, endlich der „Unberechenbare“, der durch eigenartige Auffassungen der solidesten Lebensverhältnisse zu verblüffen bestrebt ist, z. B. plötzlich das Recht auf Blutschande verteidigt und mit schamlosen Geständnissen nicht geizt.

Es gibt Menschen, die regelmäßig ins Kaffeehaus gehen. Sie können ja nichts dafür, daß es ihnen angenehm ist. Solche Menschen meide ich „von vornherein“. Es ist unmöglich, daß ein Mensch, der täglich durch einige Stunden im Kaffeehause sitzt, ein wünschenswerter Verkehr wäre. Das setzt eine Unempfindlichkeit gegen eine ganze Reihe höherer Taktfragen voraus, die für mich zu den Unerläßlichkeiten gehören.

Es gibt Menschen, die auf sogenannten städtischen Promenaden auf und ab ziehen. Solche Menschen meide ich „von vornherein“. Das sind Leute, die gegen Staub, Gestank und Lärm, die größten Plagen der heutigen Menschheit, unempfindlich sind.

Es gibt Leute, die jede Première sehen müssen. Solche Menschen meide ich von vornherein. Kritiker, die durch den Besuch der Theater ihren Beruf ausüben, sind auf das tiefste zu bedauern, jene „Amateurs“ aber sind verächtlich, da sie Sinne wie Taue und einen Geschmack wie Feuerländer haben müssen.