ÜBER VERNÜNFTIGE, SNOBS UND BEFLISSENE
E
Es gibt „vernünftige“ Menschen, die sich an Wagners „Texten“ stoßen. Sie behaupten, die Musik zu schätzen, den Text aber zu verabscheuen. Sie „weisen das nach“. Es gibt Schwärmer, die behaupten, daß die Bühne den Zweck habe, Illusionen zu erzeugen. Diesen Kerzlweiberstandpunkt hat der Prunk der sogenannten szenischen Darbietungen verschuldet.
Ich kenne „Vertreter geistiger Interessen“, die Shakespeare mit Wildenbruch, Hölderlin mit Hamerling, Maupassant mit Tovote, Terborch mit Grützner, Ibsen mit Sudermann verwechseln. Da ist nichts zu machen. Solchen Leuten geht man am besten behutsam aus dem Wege, und wenn man ihnen nicht ausweichen kann, stellt man sich grinsend schwerhörig. Es sind dieselben Menschen, die von „unsympathischen Charakteren“ bei Dostojewski sprechen oder E. T. A. Hoffmann einen Gespenstergeschichtenerzähler nennen. Das ist eine Gruppe von „Kunstfreunden“. Sie zählt nach Millionen. Wenn sie zufällig „akademische Bildung genossen“ haben, ist es nicht ausgeschlossen, daß sie eine Deutsche Literaturgeschichte „verfassen“.
Eine zweite Gruppe hat immer die Meinung des Nächststehenden. Es gibt Menschen, die ihre Meinung mit dem Abonnement ihrer Zeitungen ändern, ja, mit dem Wechsel der Feuilletonredakteure. Das sind die Leute des „neuen Stils“, die, wenn sie bei Mitteln sind, alle 10–12 Jahre ihre Hauseinrichtung von Grund aus ändern, und wenn der letzte Band Ebers an die heranwachsende Nichte verschenkt ist, mit dem ersten Band — Ruskin beginnen. Sie führen Goya und — Sascha Schneider im Munde, tragen heute hochgeschlossene und morgen tief ausgeschnittene Westen, je nach dem, was der Schneider ihnen als die letzte Mode empfiehlt, und geben ungebeten die neuesten Verhaltungsmaßregeln. Sie sind immer bereit, mit fliegenden Fahnen überzugehen. Wenn sie „Dichter“ sind, schreiben sie heute à la Maeterlinck und morgen à la D’Annunzio. Sie wissen nie, wer sie im Grunde sind. Sie könnten sich über Nacht gestohlen werden. Ihre Vertreter in der Generation der heute fünfundzwanzigjährigen sind durch die Bank „moderne Lyriker“.
ANTIBARBARUS
(EINE UNGEDRUCKTE „ERWIDERUNG“, DIE SICH IN HERRN VON BALTHESSERS PAPIEREN VORGEFUNDEN HAT. ANLASS DAZU MAG IRGEND EIN ZEITUNGSARTIKEL GEGEBEN HABEN, DER DAS RECHT DES DEUTSCHEN TOURISTEN, IN TOURISTENKLEIDUNG AN DER HOTELTAFEL ZU ERSCHEINEN, ETWAS HERAUSFORDERND ZU VERTEIDIGEN UNTERNOMMEN HABEN DÜRFTE)