Eine Dame ist eine virtuelle Vollkommenheit, die Mängel nicht ausschließt. Man kann eine Dame sein und muß keine Rasse haben. Man kann eine Dame und rührend oder unverzeihlich dumm sein. Man kann eine Dame sein und sich sogar — schlecht kleiden. Jedenfalls kann man eine Dame sein ohne die Spur von Eleganz, ohne die Spur von Geist. Man kann tugendhaft wie ein englischer Gouvernantenroman und nichtsdestoweniger eine Dame sein. Man kann Bücher schreiben und doch eine Dame bleiben, man kann Kinder haben, sogar viele Kinder, und eine Dame sein. Es gehört nicht Geld dazu, und Millionen müssen die Gnade nicht erdrücken. Man darf kokett, sogar sehr kokett sein und kann doch eine unantastbare Dame bleiben.
An eine Dame kann niemand heran. Eine Dame wird sich nichts „vergeben“. Eine Dame wird über ihr Benehmen nie im Zweifel sein. Sie wird aber nichts affektieren, was ihre Wesenheit zu umschreiben dienen könnte. Eine Dame darf Launen und Passionen verraten. Sie mag versteckt, sogar borniert, bigott, adelstolz, hochmütig, frei und großzügig, leutselig, liebenswürdig, zuvorkommend, mürrisch, schlagfertig, jähzornig, sentimental, melancholisch, unterhaltungssüchtig, ehrgeizig, kindisch sein. Sie kann eine Königin der Mode, sogar eine Zierpuppe, eine Pretieuse, eine Zimperliche (prüde) sein. Sie hat aber keinen Hang zum Snobismus oder — läßt ihn sich niemals anmerken. Sie mag hassen, verachten und spotten, sie wird aber nicht maulen, raunzen, greinen, tratschen und klatschen.
Sie gestattet Schmeicheleien, aber sie glaubt nicht daran. Sie ist nicht laut, aber auch nicht schüchtern. Sie ist nicht grell, aber auch nicht farblos. Sie muß nicht platt und banal, sie kann glatt, schwierig, sie darf sogar ein unauflösliches Rätsel sein. Sie muß nicht das Wort führen, wird es sich aber nicht nehmen lassen. Sie wird nicht „lauschen“, aber beileibe keine Rede halten. Sie wird sich nicht in Szene setzen, sich jedoch niemals übersehen lassen, nie dominieren wollen und doch leise den Ton stimmen. In ihrer Nähe wird man nicht immer Ehrfurcht empfinden, gewiß aber nicht Unverschämtheit betätigen. Man muß sie nicht vergöttern, wird sie aber niemals überhören. Sie wird nicht diktieren, und man wird sich ihr doch fügen. Sie braucht nicht verführerisch, nicht anmutig zu sein, aber sie kann nicht geringgeschätzt werden. Eine Dame respektiert man. Eine Dame kann erwärmen und — abkühlen. Denn eine Dame hat Takt und immer wieder Takt. Dame kann man nicht werden.
Eine junge Dame aus bürgerlichster Familie heiratet einen Vollblutaristokraten und „wird“ Aristokratin —: sie ist es längst gewesen. Aber hätte sie einen Schnittwarenhändler geheiratet, wäre es nicht aus ihr „herausgekommen“.
Die „Dame“ ist nicht an eine Kaste gebunden. Aber nicht in allen Schichten ist ihr Nährboden; unterhalb einer gewissen Sphäre ist der Begriff nicht anwendbar, bleibt die Erscheinung unerkannt. Es ist theoretisch denkbar, wenn auch nicht wahrscheinlich, daß eine Ehefrau, die ihrem Gatten, dem Papierhändler, hinter der Budel hilft oder ihm die Bücher führt, alle Eigenschaften einer Dame besitze, dennoch bleiben sie sozusagen unfruchtbar.
Eine Dame kann sehr gut einen Omnibus benützen, wenn sie nicht in der Lage ist, einen Fiaker zu bezahlen, sie kann in der Küche selbst das Essen zubereiten, das sie ihren Gästen selbst vorzusetzen den anmutigen Stolz besitzt, sie kann eine Gewinn erzielende Tätigkeit entwickeln, Stunden geben, Handarbeiten anfertigen, aber — Kunden bedienen kann sie nicht. Es gibt Damen, die Ammen sind, große Damen sogar (der Säugling ist freilich ein Prinz des Herrscherhauses), es gibt Damen, die den Dienst von Kammerfrauen versehen und sich eine Ehre daraus machen (der Geschmack daran ist Erziehungssache), aber keine Dame wird an einem Schauturnen sich beteiligen oder öffentlich einer sozialethischen Doktrin huldigen, während es hinwiederum vorkommen soll, daß sich unter Schauspielerinnen Damen finden (der Geschmack daran ist — Talentsache).
Die Dame muß durchaus nicht amüsant, braucht aber auch nicht langweilig zu sein. Sie wird den Anspruch nicht verlieren, wenn sie von Vergangenheiten umflüstert und wechselnden Gegenwarten geneigt ist. Dieser Punkt ist freilich einigermaßen heikel. Aber nicht die Brille eines Obmanns des Vereins zur Hebung der Sittlichkeit wird man aufsetzen dürfen, um hier klar zu sehen, sondern es gilt, Ohren zu spitzen, die das Gras über Begebenheiten wachsen zu hören begabt sind. Es gibt eine tönerne Schale des Begriffs „Dame“, die tausend Risse, und nicht nur feine Haarrisse, sondern recht derbe Sprünge aufweisen kann, ohne zu zerscherben. Man wird innerhalb eines Gesellschaftskreises aus tausend Gründen der Eitelkeit, Rücksicht, Klugheit die Augen mit Gewalt verschließen Tatsachen gegenüber, die der Mund nicht nur nicht in Abrede zu stellen versucht, sondern sogar ganz behaglich wiederholt. Und es gibt „Damen“, die, zum gesellschaftlichen Tod verurteilt, ein hohes Alter der äußern Reputation erreichen. Es gibt „Damen“, über die man sich nicht genug entrüsten kann und denen man doch nicht ernsthaft auf den leichten Fuß zu treten wagt oder imstande ist. Die moralische Heuchelei verträgt sich mit fader Prüderie ebensogut wie mit der (angesagten) Inkognito-Debauche. Auch ist der Ehebruch zum Beispiel, wenn er selbst in Permanenz erklärt ist, nach der strengen Auffassung maßgebender Kreise noch lange nicht so verdammenswert als die eklatante Mißheirat, und der Gatte, der eine „unmögliche“ Frau in die Gesellschaft bringen wollte, die — Maitressen duldet, würde bald in Zweifel ausschließender Deutlichkeit an die Naivetät seines ungehörigen Vorgehens sich erinnert finden.
Die Dame des Hauses ist die Seele des von ihr geladenen Kreises. Sie weiß Harmonie hervorzuzaubern aus ungefügen Elementen, weiß sie zu erhalten. Nichts ist bezeichnender für ein Haus als seine Geselligkeit. Nicht so sehr die Personen, die man heranzieht oder die sich einfinden, als ihre Stimmung. Das ist, so wenig man auch dem Hausherrn seine Rolle verkürzen mag, den ihm gebührenden Einfluß mindern will, Sache der Dame. Daß der Stil ihres Hauswesens sie ausdrückt, ist selbstverständlich. Die Dame des Hauses lebt in ihrer Tischordnung, ihrem Gerät, der Verteilung der Lichteffekte. Aber die Dame belebt nicht nur stumme Mittel, sie dirigiert lebendige. Niemals wird eine Dame ein Stocken des allgemeinen Gesprächs oder eine Stauung in der Zirkulation der Mitglieder ihres Kreises dulden. Niemals werden Längen eintreten, niemals wird ein unpassendes Presto-staccato die Leistungsfähigkeit ihres Orchesters vor der Zeit schwächen dürfen. Sie wird sie vielmehr zu beleben trachten, wird eine Art von Rausch in Permanenz erhalten, der beschwingt, aber ja nicht lastende Ernüchterung zurückläßt. Gesellschaften, denen man mit Gewissensbissen nachhängt, sind schlecht geleitet gewesen. Es ist Sache der Dame, die ihr zur Verfügung gestellten Talente nicht abzubrauchen. Sie muß zu gruppieren, nicht nur Situationen, sondern auch Skalen der Beziehungen zu schaffen wissen. Und darum muß sie zuerst unbedingt ihrer selbst sicher sein. Worin besteht die Sicherheit des Benehmens, das die Dame auszeichnet? Es sind nur Züge anzudeuten, die man nicht etwa summieren darf. Summen sind immer brutal. Sicherheit ist nicht mit Ungeniertheit zu verwechseln. Man kann geniert sein durch einen Lümmel, der sich im Eisenbahncoupé Rock und Schuhe auszieht, durch einen Roßknecht, der im Freien badet, durch einen Trunkenen (es muß nicht gerade ein Trunkener sein), der an der Hauswand sein Wasser abschlägt, durch eine Chansonette, die sich in gewagten Entblößungen gefällt. Es ist außer Frage, daß solche „Gêne“ hier nicht gemeint ist. Das Befangensein, das durch gesellschaftliche Situationen hervorgerufen wird, denen man sich nicht gewachsen fühlt, aus Mangel an gesellschaftlicher Bildung, ist der Makel, der die Kleinbürgerin von der Dame unterscheidet.
(Das große Kapitel der schlechten Manieren überschlagen wir.) Aber nicht nur die Befangenheit, auch, ja noch mehr fast die — Unbefangenheit ist hier von Übel.
Die Leute, die es „reizend“ finden, wenn ein Negerfürst die Mundschale austrinkt, halten solche „Unbefangenheit“ mit Recht bei übertünchten Europäern für anstößig.