Eine Frau, die nur Herrn bei sich sieht, ist keine Dame. (Sie mag eine gewesen sein.) Eine Frau, die nur Frauenbesuch empfängt, muß aber darum noch keine Dame sein. Im Gegenteil: dies ist sogar ein (immerhin grobes) Zeichen für den Mangel der den Begriff konstituierenden Eigenschaften. Frauen, die miteinander „verkehren“, während die Männer einander nur im Kaffeehause oder „Geschäft“ begegnen, sind keine Damen. Solcher „Stil“ schließt die Neigungen einer Dame von vornherein aus.

Man kann sehr zurückgezogen leben und sogar eine große Dame sein (obwohl dies einigermaßen schwer ist, jedenfalls muß man, um den Titel mit Fug behaupten zu dürfen, eine Zeitlang wenigstens — nicht zurückgezogen gelebt haben).

Die „große“ Dame ist vor allem Aristokratin. Zu ihrer „Größe“ gehört nicht nur ein großer Titel, sondern auch eine lang nachflutende Schleppe von Ahnen. Sie ist in glänzenden Geldverhältnissen, und sie weiß sie großartig zu nutzen. Man irrt, wenn man in der Gattin eines hohen Funktionärs mit historischem Namen bereits eine große Dame zu erblicken wähnt. Nicht die Stellung, nicht der Name, nicht der Reichtum, sondern alles zusammen ergibt die große Dame — und dies erst dann, wenn sie in ihrer Persönlichkeit die Musik dazu hat. Man „wird“ ebensowenig eine große Dame, wie man ein Grandseigneur „wird“. Aber es ist sehr gut denkbar, daß man eine große Dame „gewesen ist“ und aufgehört hat, es zu sein. Da man weder Persönlichkeit noch Namen aufgeben kann, wäre der Schluß naheliegend, die Verwandlung bloß auf das materielle Moment zu beziehen; und sicherlich, wenn eine große Dame ihr Geld einbüßt, ihre Besitzungen verkauft, ihre Juwelen verpfändet, ihre Pferde losschlägt, ihre Lakaien entläßt, ist sie bereits depossediert. Aber doch liegt es nicht in diesen aufzählbaren Fakten, sondern in ihrer „Melodie“. Man kann nicht sagen, diese und jene Verengerung des gewohnten Rahmens sei die Grenze, hinter der sich die Züge der Erscheinung plötzlich verwandeln. Sonst wäre es ja denkbar, daß jemand sein ganzes Leben — sich an die Grenzbalken lehnte. Und es ist nicht denkbar, denn eine solche angelehnte große Dame ist nur für Kurzsichtige noch „groß“.

Wer sich unter einer „großen“ Dame die sogenannte majestätische Erscheinung vorstellt, wird höflich ersucht, seinen Portiersstandpunkt nicht zur Diskussion beisteuern zu wollen.

EINIGES AUS ANDREAS VON BALTHESSERS LEIDER NICHT GESAMMELTEN SINNSPRÜCHEN UND GLOSSEN

I

Ich nenne mich, wenn das große Wort erlaubt ist, — für große Worte sollte man immer um Verzeihung bitten und dazu lächeln — „stolz“ einen Dilettanten. Nur der Dilettant ist der Freie. Alles, was Uniform trägt (ich meine die unsichtbare; die sichtbare ist — eine Sichtbarkeit, eine Äußerlichkeit, im Grunde genommen eine Bequemlichkeit, oft sogar, was freilich so verallgemeinert als Ironie wirkt, — ein Zeichen der Freiheit), alles, was Uniform trägt, ist irgendwie eingeschworen. Über Eingeschworene und Eingeborene hat der Reisende das Übergewicht der Leichtigkeit. Eingeborene bleiben zurück.