„Von vornherein“ miteinander per Du sind bei uns in Österreich die Aristokraten und — anderseits — die Fiakerkutscher, „Wasserer“, Taglöhner. Oben und unten die — Selbstverständlichen. Die Mittelklasse: Professoren, Beamte, Kaufleute sind auf konventionellem Fuß miteinander. Sie haben einander immer nur etwas zu sagen, können nie auf freiem Fuß miteinander verkehren wie die Aristokraten und — die Fiakerkutscher.


Die geschmackvolle Geselligkeit als unbewußte Äußerung kulturgesättigter Organisationen ist heutzutage fast gänzlich ausgestorben. Es gibt einen traditionellen Stil der großen Welt, der eine gewisse natürliche Grazie hat, aber leeres Arabeskenspiel bleibt, wenn er nicht mit Unsittlichkeit gewürzt ist. Es gibt ferner einen Kompromißstil der verschiedenen Zwischenreiche, der sogenannten „zweiten Gesellschaften“, in denen man sich relativ am besten unterhält, weil viel „Abwechslung geboten“ und — meist recht gut gegessen wird. In diesen Kreisen findet man auch hin und wieder versprengt einen harmlosen Menschen, dem diese mühsamen Lustbarkeiten wirklich noch ein Vergnügen zu bereiten imstande sind.

Die große Welt hat ihre eigenen Gesetze, hinter denen der Mensch verschwindet. Aber wenn diese Bande einigermaßen nachlassen — in der intimen Häuslichkeit —, weiß ich überhaupt nichts, das reizender wäre. Hier herrscht Freiheit, Maß, Sicherheit, Ruhe. Die bürgerlichen Kreise sind sehr mannigfacher Art, aber fast durchaus unerfreulich. Entweder wird ein Stil kopiert, oder es ist ein Stil im Begriffe, verlustig zu gehen.

Die größte gesellschaftliche Roheit herrscht in den Kreisen der „ausübenden“ Künstler aller Art; vor allem mangelt das, was jeder höhern Geselligkeit den anmutigsten Reiz verleiht: Achtung vor dem Alter und den Kindern und Ritterlichkeit und Dezenz gegen die Frau.


Die Prüderie der hohen Gesellschaftskreise, die Heuchelei ist, kann man sehr leicht parieren: man vermeide Verstöße. Meist klagt der über Prüderie, der es an Takt ermangeln läßt.


Ein Blick in den Zuschauerraum eines modernen Varietétheaters, der dann zur Bühne gleitet, wo Neger brüllend Cake-walk tanzen oder ein bunt gekleideter Radfahrer, auf einer elektrisch bewegten Drehscheibe gegen die Drehrichtung tretend, seine Lunge vor biertrinkenden Handlungsreisenden aufbraucht, sollte den Schwärmern für die Kultur des konstitutionellen Europa Erleuchtung zu verleihen imstande sein über die unrettbare Barbarei dieser ordinärsten aller „geschichtlichen Epochen“.