Die jungen Leute sind alle frühreif, sie spielen immer ihre kommenden Jahre: wenn sie fünfzehn sind, das achtzehnte, wenn sie achtzehn sind, das zweiundzwanzigste, mit 23 Jahren den Mann von dreißig. Die Mädchen sind dagegen weit über ihre Jahre hinaus jung oder vielmehr kindisch, da ihr Geist nicht geweckt, sondern systematisch im Halbschlaf erhalten wird. Bei den Jünglingen besorgen die sexuell vor der Zeit erfahrenen, nur um weniges älteren Standesgenossen und das timide Benehmen der Hofmeister, als abschreckendes Beispiel, die geistige Erziehung. Die Wissenschaften sind von vornherein ein Deridendum, gut genug für Kandidaten, die nichts Besseres zur Verfügung haben. Die Mädchen werden von einem prädestinierten Gouvernantengeschlecht in einem verhalten kichernden Respekt auf Distanz erzogen. Sie gedeihen alle zu mütterlichen Frauen, die Jünglinge selten zu väterlichen Männern. Ein gebildeter Standesgenosse ist ein mit scheuer Hochachtung betrachteter Fremder von Distinktion. Halbwegs tiefer gehende Bildung — die immer noch oberflächlich genug bleibt — äußert sich zunächst immer in einem äußerst wohlfeilen Demokratismus, der vom geborenen Plebejer mit bedientenhafter Verehrung vor dieser leutseligen Herablassung quittiert wird.

Wenn aber ein Aristokrat echte Seelenbildung genossen und einem gesunden Ingenium einverleibt hat, ist seine geistig-moralische Erscheinung ein kaum übertreffliches Ganze. Die angeborene ergibt mit der erworbenen Freiheit ein wunderbares, ununterscheidbares Durchdrungensein. Und die vom leeren Formalismus der standesgemäßen Bigotterie entbürdete Christgläubigkeit, das dem (vom schalen Liberalismus unrettbar verderbten) Bürgerlichen nahezu unzugängliche große Religiöse an einer solchen harmonischen Bildung ist ein unbedingt Verehrungswürdiges. Wahre „verfassungsmäßige“ Freiheit kann einem bürgerlichen Staat nur ein bedeutender aristokratischer Staatsmann gewähren. Den Schwindel der falschen Freiheit, die verdummende Dogmatik des Zeitenliberalismus durchschaut nur ein großzügiger Aristokrat. Das Ritterliche im Soldatenhandwerk kann nur ein Aristokrat erweisen — unwiderleglich wie alles Natürliche.

Das monarchistische Prinzip kann nur der die Lehnspflicht, die Lehnstreue im Blut tragende Aristokrat aus Überzeugung stützen. Ein dem väterlichen Boden nicht entfremdeter, aus dem geistigen Erleben nicht ausgeschalteter, national und religiös gesinnter Adel ist neben einer schollen- und sprachentreuen Bauernschaft noch immer das Wesenhafte eines festgefügten Staatswesens.

ANDREAS VON BALTHESSERS UNRÜHMLICHES ENDE

ANDREAS VON BALTHESSER AN DIE BARONIN DELLA SERRA.

„I

Ich habe gestern mit dem kleinen Wartenberg gefrühstückt. Sie wissen, Baronin, daß er Sie sehr verehrt. Er hat mich gebeten, bei Ihnen für ihn ein günstiges Wort einzulegen. Ich entledige mich der heikeln Aufgabe auf diese sicherlich bequemste Weise. Wenn Sie gegen seine Verehrung nichts einzuwenden wissen, wird das der Sache nicht geschadet haben. Ich küsse Ihre Hände.

A. B.“