Und, sehen Sie, wenn einer sich an seinen Schreibtisch setzt oder sich im Bette neben einer zuckenden Kerzenflamme aufrichtet, um mit einer Stahlfeder oder mit einem Taschencrayon auf ein Stück Papier, auf einen Briefumschlag ein Gedicht zu schreiben, sei es nun eine tastende Mitteilung oder eine absichtliche Verschleierung seiner Gefühle oder gerade gegenwärtigen Gedanken, das ist — Unkultur. Und Menschen, die derlei oft und mit Beifall zuwege gebracht haben, gewöhnen sich daran, hierin eine außerordentlich merkwürdige Sache zu sehen, und das ist Unkultur in Permanenz.

Was aber die Leute betrifft, die in mit um einiger Gedichte willen etwas wie einen Gleichgesinnten voraussetzen zu dürfen glauben: ich versichere Ihnen, unter tätowierten Insulanern ist mir wohler... Ich bekomme täglich Briefe von allerlei Skribenten des In- und Auslandes, die mich auf verschiedentliche, mit ihren Meinungen angefüllte Revuen und Bücher aufmerksam machen. Ich aber lese beileibe nicht diese Bücher und Revuen, sondern z. B. die Bekenntnisse des heiligen Augustinus oder in einer vergleichenden Grammatik der romanischen Sprachen, und dann gehe ich in einen Klub von angenehmen Sportsleuten, die bei Wagneraufführungen ihre Logen leer stehen lassen, oder ich reite stundenlang in den Praterauen. Daß mir dabei vielleicht Alexander der Große einfällt, wie er im Bade liegt oder wie ihn ein Feldherr reizt mit Einwürfen oder wie er sich von zwei Mädchen die Künste der Liebe mit anmutigen Bewegungen aller Gliedmaßen vorführen läßt, dafür kann ich nichts. Es ist so, als ob ich, der ich einen Reiz der Nasenschleimhaut verspürte, zu meinem Taschentuche griffe, wie jetzt“, (er tat es) „und mich schneuzte“ (er tat es). „Und eigentlich sollte man, wenn man gut und lange geschlafen und sich darauf, nach einem lauwarmen Bad in einer glänzend weißen Wanne, mit der liebenswürdigen Sorgfalt angekleidet hat, die eines der zehn Gebote der Selbstachtung ausmacht, wohlgepflegten Kindern zusehen, die Reifen schlagen, oder im Garten die Bäume bewundern, die Blüten treiben, oder am gleitenden Wasser liegen auf einer weichen englischen Decke und sein Spiegelbild in den Wellen haschen wie weiland Adonis. Aber man muß jedenfalls tadellos rasiert sein.“

Hier ließ Herr von Balthesser eine Pause eintreten, die sich so sehr in die Länge zog, daß einige der Versammelten in aller Bescheidenheit und mit möglichster Vermeidung von Geräuschen etwas Weniges von den längst erkalteten Fleischspeisen zu verzehren unternahmen, die man schon vor geraumer Frist vor sie hingestellt hatte.

SELBSTBIOGRAPHIE HERRN VON BALTHESSERS

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Herr von Balthesser, der Dichter der „Androgyne“, von einer großen polyglotten Revue aufgefordert, sein Leben in einer Skizze niederzuschreiben, lieferte auf drei mit dem kleinen aufgesetzten weißen Wappen geschmückten zartlila Briefbogen in enger steiler Schrift nachstehende Mitteilungen:

„Ich bin in Rom geboren, als mein verstorbener Vater dort bei der Botschaft war. Man sagt mir, daß ich einen mit dünnem blondem Haar bedeckten spitz auslaufenden Schädel besessen und, ohne zu schreien, wie das bei den Kindern üblich ist, mich in die Welt gefunden hätte. Ich habe mich von den landläufigen Gymnasialstudien nicht abhalten lassen, die Dichter und Philosophen der vorzüglich in Betracht kommenden Sprachen, die Kirchenväter und die großen Historiker zu lesen. Mit 15 Jahren schrieb ich eine kleine Studie über den Neuplatonismus, die von der schwedischen Akademie preisgekrönt wurde. Mein um ein Jahr älterer Bruder war damals mit der so amüsanten Lektüre des Cooperschen Lederstrumpf beschäftigt, die ihm in einer Ausgabe für die reifere Jugend von unsrer guten Mama zu Weihnachten war geschenkt worden.

Sonst wüßte ich nichts aus meinem Leben zu berichten, das für Leser Ihres Journals von Interesse sein könnte. Denn daß ich einige größere Reisen unternommen, bei einem Dragonerregiment gedient habe, im auswärtigen Amte mich auf die diplomatische Carrière vorbereite und im Winter fast täglich außer Haus speise, dürfte Ihnen nicht von Belang scheinen, was ich vollkommen billige.“