Andreas von Balthesser, vom Vorsitzenden an seine Seite gebeten, hob das Monokel aus der rechten Augenhöhle, hielt es einen Moment mit steifem Unterarm aufmerksam vor sich hin, faßte das dünne Glas dann zwischen zwei Finger der Linken, entnahm mit der Rechten dem Frack — die beiden waren, wie man flüsternd auffing, unmittelbar von einem Diner gekommen — ein ungeheuer großes Taschentuch, entfaltete es, putzte das Monokel umständlich blank, und indem er sich, sein Glas wieder vorm Auge, mit einer leichten Verbeugung gegen die ihm voll schlecht verhehlter Neugier zugekehrten Gesichter wendete, sagte er halblaut und etwas näselnd:
„Meine Herren! Sie haben mich durch Ihren sehr geehrten Vorsitzenden, Herrn Dr. Robert Schaffer, in liebenswürdigster Weise eingeladen, Ihnen in einem sogenannten Vortrag etwas über Kunst zu sagen. Das heißt, nicht wahr, Sie hatten, aus ebenso liebenswürdiger Artigkeit gegen meine dem Fixierten nicht eben geneigte Natur, meiner Stimmung die Wahl des Gegenstandes dieses sogenannten Vortrages überlassen. Aber Sie meinen mit Fug erwarten zu dürfen, daß ich über das Thema Kunst zu sprechen nicht geringe Lust verspüren würde. Nun könnte ich Ihnen ja in der bei Ihnen beliebten Weise einen Exkurs über Stephane Mallarmé oder Emile Verhaeren oder Oskar Wilde oder Tooroop abspinnen. Es wäre mir die, wie Sie annehmen, erwünschte Gelegenheit geboten, mein durch die Erfassung der flüchtigsten Nüancen gesteigertes Wissen um diese oder jene Erscheinung der Kunst oder Literatur vor Ihnen als der urteilsfähigsten Hörerschaft glänzen zu lassen. Ich gestehe gern, daß ich an derlei Sermonen ein nicht wohl abzuleugnendes Gefallen hatte, als ich mich noch in jenem Stadium der Referentenlust befand, die Ihrer Periode, der des beflissenen Studiums, — denn ich sehe doch zumeist Juristen der letzten drei bis vier Semester vor mir — so wesenhaft ist.
Und fast war ich“ — er nahm das Monokel aus der rechten Augenhöhle, hielt es mit steifem Unterarm aufmerksam vor sich hin und setzte es nach einer Pause wieder ein; der Vorsitzende rückte höflich seinen Stuhl noch ein wenig weiter links von ihm ab — „fast war ich, als ich mich Ihrer Einladung in diesen Tagen entsann, entschlossen, ein solches Thema, vielleicht um mir Ihre Sympathien zu sichern, heute hier zu tradieren.
Da ich Sie nun aber vor mir sehe, junge Leute mit Brillen und Zwickern, mit wüsten Bärten und übernächtigen Augen, mit ungesunder gelber Gesichtsfarbe, und Sie mir im Geiste verhundertfacht denke als eine Herde von eifrigen Bücherlesern und eine lebendige Nomenklatur von allerlei sogenannten modernen Doktrinen und Termini, bin ich von einer, wie Sie sagen würden, perversen Lust angewandelt, über die Dichtkunst, von deren Beherrschung ich manche nicht unerhebliche Proben geliefert zu haben glaube, einige wenige offenbar sakrilegische Worte zu sagen.
Meine Herrn“, — er lehnte sich zurück, schlug langsam ein Bein über das andre und starrte in die zuckende Gasflamme auf dem gußeisernen Arm vor ihm, so daß das Monokel wie ein toter Stein glänzte — „meine Herrn, diese Ihre Beschäftigung mit der Dichtkunst und den Dichtern erscheint mir als ein Zeichen, ein jämmerliches Zeichen von Unkultur. Sie werden jetzt in Ihrem Innern heftig erschrecken oder sich entrüsten oder mit vermeintlicher Ironie sich mir entziehen. Ich versichere Ihnen ehrlich, daß mich das nicht im geringsten berührt.“ Das Auditorium rückte mit verlegen lächelnden Mienen an den Stühlen. Man konnte bemerken, daß einer den andern gleichsam niedriger einschätzte.
„Ich bin nämlich Ihrer Auffassung dessen, was Sie Kultur zu nennen belieben, so fern wie ein Gestirn. Ich weiß nicht, ob Sie recht haben oder ob ich recht habe. Es ist mir auch nicht darum zu tun, zu erfahren, wer ‚recht hat‘. Ich empfinde in diesem Moment nur die durch nichts niederzuhaltende Lust, Ihnen zu sagen, daß das alles, was Sie in Anspruch nimmt, aufregt, das, in dessen Besitz Sie sich über die andern erhaben fühlen, mir im Grunde so gleichgültig ist wie dieses — übrigens äußerst unappetitliche halb geleerte Bierglas vor mir.“ Er stellte das Glas energisch vor seinen linken Nachbar, dessen Auge an dem Rande des Glases wie bezaubert haften blieb.
„Ob einer von Ihnen ein Gedicht, das ist eine willkürliche und offenbar eitle Zusammenstellung von unzulänglichen Worten des sogenannten Sprachschatzes, in einer vom Herkömmlichen abweichenden Weise zustande bringt oder nicht, ob er seine minderbemittelten Wünsche an das Leben in gleich langen oder verschieden langen Verszeilen in einer obskuren Revue drucken läßt oder sie seiner Hausbesorgerin, während er der Verschlafenen das Sperrgeld einhändigt, in kürzerer Fassung mitteilt: die Kultur hat mit dem einen so wenig zu schaffen wie mit dem andern. Sie sind heute noch immer, dank der bequemen und einschläfernden Werkelei unsrer ‚führenden Geister‘, als da sind: Gelehrte, Dichter, Zeitungschreiber, in einer Art von Traumwandelei befangen. Es ist nicht meine Sache, den öffentlichen Anrufer zu spielen. Ich fände das wie alles Laute geschmacklos. Ich sage daher diese unfreundlichen Dinge fast wie Salonaperçus, und ich sage sie Ihnen, da ich ganz genau weiß, ich werde Ihnen zum Schlusse doch nur eine angenehme Stimulation bereitet haben, und Sie werden, jeder in seiner Weise, als von etwas Merkwürdigem und Interessantem über meine Worte Bekannten und Unbekannten gegenüber sprechen, meist sehr willkürlich und ohne jeglichen Zusammenhang mit Ihren wahren Empfindungen, weil Sie sich das ja bereits zur chikanösen Manier herangebildet haben. Kurz, ich halte diese meine Aperçus für durchaus ungefährlich, hier in einem Kreise von unverbesserlichen Bücherlesern, deren keiner aus innerer Unfähigkeit heraus das wahre Wesen meiner Anschauungen auch nur zu ahnen, geschweige zu erfassen selbständig genug ist.“ —
Hier entstand ein Gemurmel die Tafel entlang. Man war verlegen, im Grunde sogar ein wenig ungehalten, hinwiederum aber doch des Eindrucks dieser eigenartigen Worte nicht sicher und befand, es wäre jedenfalls geschmackvoller, sich solcher malitiösen Witze zu freuen, als sich darüber zu ärgern.
Andreas von Balthesser wechselte gelassen die Stellung seiner Beine, strich sich mit der Linken leise, leicht, fast zärtlich über das sorgfältig geglättete dunkle Haar seines Hinterhauptes, bat plötzlich mit einem höflichen Lächeln, wobei er ihn kaum anblickte, den Vorsitzenden, Herrn Dr. Schaffer, um die Erlaubnis, sich eine Zigarette anzünden zu dürfen, erhielt diese Erlaubnis, kam ihr nach, wobei aller Blicke auf die schmale fein gerippte silberne Zigarettenbüchse mit dem aufgesetzten gräflichen Doppelwappen gerichtet waren, und fuhr, sich zurücklehnend und nur von Zeit zu Zeit der über den langgeschlitzten beweglichen Flügeln leicht gebogenen Nase duftige Rauchschleier entlassend, die Augen wieder an die Gasflamme gehängt, in seinen halblauten, an Worten kaum verweilenden Erörterungen also fort:
„Wenn ein schlanker Mensch mit stahlharten elastischen Sehnen, bekleidet mit einem roten Frack aus weichem Tuch und schneeweißen Bridges, die vom Knie abwärts keine einzige Falte werfen, die Arme eng und doch leicht an den Leib gehalten, in den Bügeln eines galoppierenden Jagdpferds steht, oder wenn eine junge Dame sich während eines unbefangenen Gespräches — Sie, meine Herrn, wissen freilich nicht, was ein unbefangenes Gespräch ist, und wenn ich Sie jetzt darum fragte, würden Sie mir irgend einen dänischen Autor nennen, bei dem Sie eines gefunden zu haben meinten, — wenn eine solche junge Dame von großer Familie (denn nur die haben die natürliche Begabung zu den Ihnen gänzlich versagten unbefangenen Gesprächen); sie ist ohne Apprehension gekleidet (die jungen Damen, die Sie kennen, sind erstens keine Damen, zweitens sind sie nicht gekleidet, sondern mehr oder weniger geschmacklos kostümiert) — wenn eine junge Dame“ (er schloß das linke Auge, das Monokel stand starr und leuchtete) „sich während eines unbefangenen Gespräches erhebt, ihrem Gegenüber Tee einzuschenken, den der lautlos eingetretene schwarz livrierte Bediente, in weißem Porzellan auf silberner Platte angerichtet, mit behutsam auseinanderlegenden Handgriffen vor sie niedergesetzt hat, — sehen Sie, das zum Beispiel sind Dinge, die mir Kultur bedeuten. Solche Dinge zu zeigen, mit notwendigerweise aufdringlichen Worten, sie Menschen zu zeigen, denen sie nichts Verwandtes anregen, ist — Unkultur.