Dann stellte er die Beine auseinander, breitete die silberweisse Serviette mit den feinen grauweissen Girlanden, die er deutlich bis auf jedes Blättchen sah, über seine schlanken hohen Kniee, goss sich aus dem gerippten, silberbeschlagenen Kruge hellgelben Wein in ein grünes Stengelglas und legte behutsam, lautlos seinen Lackschuh an den linken Knöchel der jungen Frau. Sie rührte sich nicht. Und einmal sah sie ihn an mit glänzenden Augen, die jetzt dunkelbraun und sehnend erschienen unter den müden milchweissen starken Lidern, lange, lange ... Endlich schob sie ihm ihr Glas hin, so dass der grosse Smaragd, der über die drei Brillanten an ihrem linken kleinen Finger ragte, an seiner um die Knöchel vor den vier deutlichen grünblauen Adern starkgeröteten Hand ruhte, und bat ihn um einen Tropfen Wein ... Sie sprach wenig. Sie liess ihn erzählen. Und sein Fuss schmiegte sich an ihren Fuss, zärtlich fragend, endlich bittend, ungestüm flehend. Da gab sie leise, ganz leise Antwort ... Um zwölf Uhr ging er mit dem kleinen schmalen Bezirkskommissär, der laut gähnte, durch die stille dunkle Marthastrasse.

»Gefällt Ihnen die Lynx?« fragte Herr von Römer plötzlich.

»Ja ... Sehr gut.« Zögernd, fast misstrauisch.

»Wer hat sie denn jetzt? Wissen Sie's nicht zufällig?«

»Nein.«

Es ärgerte ihn, dass der Mensch ihm das sagen durfte, ihm, der schon ein Recht auf sie besass. Dann trennten sie sich ...

Er dachte an Mimi Lynx. Jetzt sitzt sie im Wagen, an der Seite ihres Mannes. Sie lehnt sich an ihn ... Und dann werden sie langsam die stille Treppe hinaufsteigen, sie müde, mit dem zärtlich zagenden Schritte, der in die Nacht führt, zum Bette ... Was ist er ihr, ihr Mann? ... Sie haben keine Scham voreinander. Sie wird sich entkleiden und die Decke fröstelnd bis zu den Lippen emporziehen. Dann kommt er, wirft sich hin neben sie, zieht die Taschenuhr auf und löscht das Licht aus. Und das Licht der Strassenlaternen zittert über den Plafond ... Ob sie an ihn denken wird? Nein. Sie hat ihn vergessen ... Vergessen? Hat sie denn überhaupt an ihn gedacht? ... Vielleicht. Einen Moment. Beim Abschied. Im Wagen. Bei der Berührung ihres Mannes ... Und wie hat sie an ihn gedacht? Mit einem neugierigen Verlangen? Entkleidet ihr Gedanke den jungen Menschen, der heute in ihr Leben getreten ist? ... Er blieb stehen und horchte in die Nacht. Wolken zogen wild über den tiefdunkeln Himmel. Funken sprühten aus einem grossen Schlot im Hintergrunde. Die Stadt schlief. Die Stille war lastend, beängstigend. Er wollte etwas hören und stiess den Stahlbeschlag seines Stockes gegen die Pflastersteine. Dann zündete er sich eine Cigarette an. Das Streichholz flammte auf, ein warmer Phosphorgeruch stieg ihm in die Nase. Die Flamme frass sich gierig in das Papier. Er warf das Streichholz weg. Es leuchtete hell auf, zuckte und erlosch. Auf dem Turme über der Stadt schlug es ein viertel nach zwölf. Ihn fror. Er steckte beide Hände in die Taschen seines Überrockes, zog die Schultern herauf und ging. Er hörte seinen Schritten zu und dem Rauschen seines Blutes ... Fernes Wagenrollen ... Er liebte Mimi Lynx ...

Damals dachte er viel über sich selbst nach. So gewöhnte er sich immer mehr und mehr daran, seinem eigenen Handeln zuzusehen. Es kam zu einer vollständigen Spaltung seines Wesens. Er war sehr ruhig, immer zuwartend, nicht gerne aus seinem Stuben- und Bücherleben durch gewaltsame Eingriffe aufgestört, etwa durch Besuche von Freunden, die ihm doch nichts zu sagen hatten. Resigniert empfing er diese Menschen, wehrte ihren unaufrichtigen Entschuldigungen und zwang sich zu den Gesprächen, die sie pflegten, diesem Worteaneinanderreihen über Gegenstände ihrer Tage, ohne Sinn, ohne innere Bewegung. Wozu reden die Leute immer? fragte er sich. Sie haben doch kein Bedürfnis zu diesen Kritiken und Reproduktionen banaler Geschehnisse. Leben die Leute ein Traumleben? Sie stehen auf, studieren oder lesen über die Worte weg, wandeln spazieren und bleiben vor jedem Bekannten stehen; sie geben in den »ersten Häusern« Karten ab, gehen spät schlafen, sehen Menschen bei sich; keiner ihrer Dialoge ist ihnen notwendig, ihre Lebensregungen entgehen ihnen, weil sie sie nicht verfolgen. Sie lassen sich leben. Sie empfinden nur die Eindrücke der Oberfläche, sie denken nicht nach über ihr Gestern, sie sorgen nicht um ihr Morgen. Und dann treten sie in die Berufe, geben wieder Karten ab, essen, schlafen, heiraten, sehen Menschen bei sich, bekommen Kinder, deren Sein sie nicht wollten, streben einflussreiche Posten an und rauchen unzählige Cigaretten. Endlich werden sie älter, »erfahrener«, und schliesslich legen sie sich dem Tode in die Arme, ohne Wachstumsringe gefühlt zu haben, und sterben. Nein, sie lassen sich töten. Und mit diesen Menschen muss man umgehen? Man darf sie nicht erschlagen wie Fliegen, die einen ärgern? Warum nicht? ...

Er ging zu Mimi Lynx und brachte ihr seine »Nächte«. Sie dankte und blätterte in den starken schwarzgeränderten Seiten. Dann sah sie ihn an, lange, unter den müden Lidern heraus mit einem Lächeln um die kurzen Oberlippen, das ihm vegetabilisch schien, wie Pflanzen lächeln mögen, wenn die Winde der Zeit an sie stossen, Pflanzen auf ihren locker wurzelnden Stengeln, die lächeln, bis einer kommt und sie gedankenlos abbricht, an ihnen riecht und sie fallen lässt ... Er setzte sich neben sie im Zwielicht der gestickten Stores, verschränkte die Finger über den schmalen Knieen und dachte angelegentlich daran, dass ihm Schweiss vom schnellen Gehen auf der Stirne stand und dass seine Lippen brannten vom vielen Schneuzen ...

Er tastete mit seinen Worten an ihr herum. Er überlegte, ob er eigentlich jetzt noch von ihr gehen und sie vergessen könnte. Er wusste es nicht. Mimi Lynx sass gegen die steifen »Eselstaschen« gelehnt und nippte an einer Cigarette. Er betrachtete sie und sagte ihr: »Sie sind schön und unbefriedigt. Sie verstehen von den Dichtern nichts als die Worte der Liebe. Sie haben eine unreine Phantasie. Ihre Lippen vertrocknen, weil sie nicht zusammenkommen. Sie putzen Ihre Zähne und Ihre Fingernägel drei bis viermal des Tages, weil es Sie freut, sehr sauber und sehr gut erzogen zu sein ... Sie würden jeden nehmen, der Ihnen gefällt, wenn es bequem möglich wäre ... Sie müssen sehr schöne runde Arme haben, die unmerklich in die Schultern übergehen. Ich sähe Sie gerne mit schmalen grünen Bändern über den Achseln, mit blossem Nacken und in einem schwarzen Sammetkleide, das nur bis unter die Schultern reichte und straff wie ein Mieder wäre. Es würde mir Freude machen, Ihre Haare in einen festen Knoten zu frisieren, der Ihren Stirnadern weh tun sollte.« Er dachte Literatur. Es war ihm um den seltsamen Eindruck zu tun. Sie hörte ihm zu und lächelte. Sie verwies ihm nichts ... Dann kam Gustav, der Gatte, und sie sprachen vom Tennis, von Wien, dem Turf. Gustav, der Gatte, machte einige Witze über das Dichten. »Die Mimi dichtet auch.« Sie lächelte ...