Einmal kam er, um sich zu verabschieden. Sie war im Garten, auf dem die müde kraftlose Herbstsonne lag, trug ein Rohseidenkleid mit dunkelroten Handstickereien, und ein breiter Sommerhut hing ihr am Arme. Sie strich sich die kleinen Haare an den Schläfen zurück und gab ihm die weiche, kühle Hand. Er hielt diese lange, sah die junge Frau an und liess in seine Augen eine gewollte Sinnlichkeit steigen. Da zog sie die Hand zurück und schlenderte ihm voran. Er fragte sie, ob er ihr gelegentlich neue Gedichte senden dürfe. Sie sagte: »Ja, bitte. Tun Sie das.« – »Werden Sie mir antworten?« – »Ja«. Dann ging er. Sie sah ihm nach. Einmal drehte er sich um. Sie stand da, schlank und so weich, gleichsam zärtlich im Nachmittagslichte. Er fühlte: Sie sonnt sich. Er verneigte sich. Sie lächelte ...

Als er im Coupé sass und die Stadt allmählich in einem trüben Novemberhimmel verschwand, stieg ihm eine unendliche Traurigkeit in die Kehle. Er lehnte den Kopf an die Scheiben und zwang seine Augen, die Aussenwelt zu bemerken. Aber sie gingen immer wieder in seine Seele und halfen ihm weinen. Das Leben schien ihm herb und hämisch. Es war aus einer wunderschönen Maske geglitten und zeigte ihm hässliche und höhnische Züge. Und hinter ihm lag alles, was lebenswert war. Sonst war er mit einem heftigen Heimweh nach der Mutter geschieden, die er immer, ihre Tränen erstickend, mit vorgebeugtem Halse, um den Blicken der Menschen ihr Leid zu entziehen, rasch über den Perron zum Ausgange eilen sah, wenn der Zug aus der Halle fuhr. Heute war dieses Weh anders und viel heftiger ... Plötzlich begann er sich in seinem Unglücke zu gefallen. Er kokettierte mit seiner Traurigkeit, sah sich wieder einmal leiden zu. Er dachte: »Jetzt bin ich so elend! Und ich fahre nach Wien, in dieses grausame Wien, das mir sein Leben aufdringt und die nüchterne Geschäftigkeit seiner teilnahmslosen Menschen. Ich komme in meine Wohnung, die mich nichts angeht, nichts von mir hat in ihren Mietmöbeln, in ihrer ausgeräumten Kahlheit, die ich erst wieder zudecken soll.« Er zündete sich eine Cigarre an und holte ein Buch aus der Tasche hervor, Maupassant, Pierre et Jean, las einige Seiten. Die Cigarre kohlte ... Er stand auf und trat in den schmalen Gang hinaus. Langhingedehnte, traurige, traurige Felder. Mässige Hügel. Eine fürchterliche Oede lag über dieser nebeligen kühlen Landschaft. Das Gras an den Dämmen war nass und zertreten. Die Telegraphenstangen flogen an dem Fenstergeländer hin. Der Himmel war grau. Grau wie die Tage, die ihn erwarteten. »Was werde ich aus diesen Tagen herausholen, ich, der ich ihnen nichts zu geben habe als meine Sehnsucht?«

Er ging in das Coupé zurück, schob die Türe zu, denn ihn fror, hüllte sich in seinen Plaid und nahm wieder das Buch vor. Aber das Lesen freute ihn nicht. Er hatte keine Ruhe. Er sah nach der Uhr. Wie die Zeit zögerte! Und plötzlich überfiel ihn wieder einmal tiefe Angst vor der Zeit. »Jetzt scheint sie zu stocken, aber das ist nicht wahr. Sie rennt, sie stürzt in die Ewigkeit. Ich komme ihr nicht nach. Was will ich alles! Was habe ich getan? Nicht einmal französisch kann ich so lesen, dass ich niemals übersetzte, dass mir niemals ein Wort mangelte! Und ich lese doch fast nur französisch. Was tue ich eigentlich? Wozu bin ich?« Und er sehnte sich nach dem Freunde, der erst nachkommen sollte. Der half ihm immer mit seiner Skrupellosigkeit. Der lebte, weil er dem Leben sein Recht zugestand. Er aber liess keine Stunde unzerzaust an sich vorüber ... Dann begann er sich zu trösten. Alles sagte er in stummen wohlgefügten Sätzen, er dachte es nicht: er redete. Und zwischen den Speichen seiner Rede wanden sich windschnell die Gedanken, und an ihnen hielten sich die Gedanken über die Gedanken geklammert, und wenn er ein wenig die Zügel seines Monologes fallen liess, hörte er das alles mit den feinen Ohren seines Gewissens und fürchtete sich vor dem Wirrwarr seiner Seele ... Endlich war er in Wien ...

Als er wieder in seinem Zimmer stand, vor dem unausgepackten Koffer, fiel ihn diese grausame Sehnsucht von neuem an, alle Fänge hackte sie ihm ins Herz, das sich krümmte und blutend zuckte. Er presste seine Hände an die Augen, bis sie schmerzten, so dass rote und blaue Lichter wilde Kreise vor seinen geblendeten Blicken schwangen, als er sie frei gab. Dann seufzte er auf und rief nach dem Mädchen. Er wollte einen Menschen in seiner Nähe haben ... Sie half ihm beim Einräumen der Kasten ... Jedes Stück hatte ihm die Mama sorgfältig in den Koffer gelegt, ein Hauch von ihr war noch um all die Sachen, der sich jetzt verflüchtigte, als sich der Raum rasch und rascher leerte. Endlich schlug er den Deckel zu. Hell klirrte das Schloss. Er war wieder zu Hause ... Schnell zog er sich um. Er musste fort. Zu Menschen. Lachen hören, Gesichter sehen, reden, reden. Und schon fürchtete er sich vor dem Nachhausekommen. Da fiel ihm die Rettung ein: trinken wollte er, bis er müde würde, zum Umfallen müde ... Er eilte in die Stadt.

Als der Hans kam und von der Sonne begehrte, dass sie ihm zuliebe erst um zwölf Uhr mittag aufgehen sollte, als er mit seiner ausgelassenen Laune eines, der die Zügel über den Kopf geworfen hat, nach »Festen« rief, gewann alles ein anderes Aussehen. Die Strassen, die sie Arm in Arm durchwanderten, weiteten sich, die Häuser grüssten freundlich mit ihren prunkenden »Auslagen« und den spiegelblank geputzten Fenstern, die Leute hatten ihre besten Kleider angezogen und trugen ein pfiffiges Lächeln um die Mundwinkel: »O wir verstehens auch!« ...

Ihre Wohnung bestand aus zwei grossen Zimmern im zweiten Stocke eines Hauses in der Alserstrasse, die von dem Vermieter, einem Agenten in Majolikawaren, mit Vasen, Krügen und Jardinieren vollgeräumt waren. Sie verrückten alle Sophas, schoben Tische und Tischchen herum, drapierten die Wände und pfiffen in den Sonnenschein ... Frau Martha L. schrieb an Heinrich ... Der Sommer erstand vor ihm.

Sie hatte mit einem alten guten Gatten und einem Töchterchen in den Zopfjahren ein nur selten durch Stadtbesuche unterbrochenes Landleben geführt. Aber man erzählte allerhand. Den Heinrich reizte es, dass sie ihn als Kind gekannt hatte und stundenlang seinen Spielen zugesehen haben sollte. Diese Frau mit dem graziösen Halse und den feuchten schwarzen Augen, die ihn als Buben von fünfzehn Jahren einmal durch ihre spröde unnatürliche Stimme aus aller Fassung gebracht hatte, zu besitzen, lockte seine nach seltsamen Begebnissen lüsterne Phantasie. An einem drückend heissen Julimittage kam er zu ihr, verschwitzt, sonnenrot, verlegen und eigentlich unberührt. Er war den Berg hinaufgerannt. In einem schwarzweisskarierten englischen Kleide empfing sie ihn, freudig, wirklich angenehm gestimmt durch seinen Besuch, der durchaus nicht der heranwachsenden Tochter galt. Sie sah ihn an, lächelte und dachte: »Wie hübsch er ist!« Er sagte ihr seine Neigung in langsamen, um Vergebung bittenden Worten, und sie fand ihn »eigen« ... Der Ahornbaum vor dem offenen Fenster verschattete das kühle weite Zimmer mit den zahllosen Photographien und den schweren Salontisch-Prachtwerken. Alles wurde so unwirklich, seltsam gedämpft durch diesen milden alten Baum ... Sie gab ihm die Hand. »Ich habe Ihre Gedichte gelesen. Sie sind ja ein wahrer Poet!«

Was sie sagte, war sehr dumm. Sie sprach überhaupt selten anders als dumm ... Ihm aber schien es, als sei erst mit ihren Worten die Krone der Vollendung auf seine Stirne gedrückt worden. Er hätte sie küssen mögen nur um dieser dummen Worte willen.

Er wollte ihr erwidern, aber er fühlte, es werde etwas ungemein Läppisches herauskommen. Da schwieg er.

Sie sprach weiter. Ihm gegenüber war sie ja so stark. »Und werden Sie die Dichtkunst auch weiterhin betreiben?«