Als ob sie ihn gefragt hätte: »Und werden Sie das Rasieren auch weiterhin betreiben?« Er wurde irre an ihr. Er ärgerte sich fast. Und da sagte er: »Gewiss. Aber ›betreiben‹ ist doch wohl nicht das richtige Wort.« »Excusez, monsieur«, sagte sie. Sie liebte französische Brocken.
Er trocknete sich den Schweiss von der Stirne und war wieder ganz klein, ganz erbärmlich ... Da kam ihr Mann. Das war auch einer von denen, die lächelnd umhergehen, »guten Tag« sagen und blind für das nächste sind. Er war sehr jovial und freute sich »riesig«.
Sie dachte: »Ob Ernst eifersüchtig sein wird auf das Kind? ...« Es war gut, dass Ernst nicht da war. Denn das war der Mann, vor dem ihre arme Seele kniete ... Dann rief die kleine Grete zum Tee ... Das war im Sommer gewesen.
Jetzt schrieb sie ihm:
»Es war sehr freundlich von Ihnen, sich Ihres Versprechens zu erinnern und danke herzlichst hierfür – bis jetzt war ich noch nicht in Wien – vielleicht komme ich noch vor Weihnacht, Einkäufe besorgen und wieder mal Grossstadtluft atmen – bezüglich des Nichterscheinens meines Photo muss ich um Entschuldigung bitten usw. – Und nun à dieu, mein junger Freund, seien Sie usw.«
Ein Stil! Ja, sie war dumm. Dumm und schön. Eigentümlich. Keine andere Frau war so überzeugend Weib, so ganz dazu da, dass die Männer hingehen und verrückt werden vor Begehren.
Er sass an dem polierten Schreibtisch, der seinem verwöhnten Geschmacke oftmals Qualen bereitete, und sah in die dunkeln Fensterscheiben. Die Lampe spiegelte sich in der linken unteren. Er kam sich ungemein bleich, »pensif« vor. Er betrachtete diese undeutliche Wiedergabe seines Gesichtes unter den zerzausten welligen Haaren. Dann schrieb er ein paar Verse. Der letzte wollte keinen Reim dulden. Unwillig schob er das Papier in die Mappe ... Da kam der Hans. Natürlich von der Paula. Eine Gardenie im Knopfloch, eine »Festrübe«, eine »Flor de Cuba«, im Munde. Er warf Überrock und Cylinder auf den türkischen Diwan unter der Petroleum-Hängelampe, rieb sich die Hände, pfiff durch die Zähne und wollte gefragt sein. Aber Heinrich hatte keine Lust. Endlich tat er ihm die Freude ... Die Paula war seine Entdeckung. Eine kleine blonde Schauspielerin, eine »Bestie«. Er hatte sie auf der Strasse angesprochen. Sie war anfangs entrüstet gewesen, diese kleine, blasse, à la Botticelli frisierte Person mit den zärtlichen grossen rehbraunen Augen. Da liess er einen Namen fallen, langsam, siegesgewiss: Rose Barune Merony. Das wirkte. Eine Freundin. »Meine beste Freundin.« Und dann wurde er für Montag zum Tee geladen. Er kam und fand bei ihr die Seiler, eine Choristin aus der Josephstadt. Die Paula gefiel ihm. Sie lebte in einem geschmackvollen Bric-à-Brac von Stand-Lampen mit Abas-Jours, japanischen Ofenschirmen, Blumen und Bildern, zeigte einen sehr schönen winzigen Fuss in einem nagelneuen Lackschuh und zerbiss mit herzigen Mauszähnchen Konfekt. Er lud sie zu sich ein. Sie nahm an. »Die Giesi muss mit«. »Gewiss. Sehr gern« ... Um acht Uhr holte er sie aus dem Theater. Sie wolle sich noch umkleiden. Er dürfe hinauf, aber »Ehrenwort, anständig sein!« – »Ehrenwort!« – Und er hatte es gehalten ... Sie waren allein in der Wohnung gewesen, ganz allein. Er sass vor dem roten, gelbgezeichneten Sekretär und las: Karl Maria H..., »Gedichte«. Sie wechselte im Nebenzimmer die Toilette. Er hörte das Rauschen der Seide. Denn es gab keine Türflügel, keine Portieren zum Schlafgemache ... Endlich kam sie, lächelnd ... Er war sich damals ungemein läppisch vorgekommen.
An dem Abende lernte sie der Hans kennen und verliebte sich in sie. Natürlich ... Jetzt steckte er immer mit ihr zusammen. Das kostete sehr viel Geld. Aber ohne Erfolg ... Und heute wieder wie immer: Causerie, Dummheiten, ein halbes Dutzend Handschuhe, eine Bonbonniere ... Heinrich seufzte. Er war sich nie recht klar geworden darüber, ob er sie gern hätte. Jetzt wusste er es. Auf jede Einzelheit dieser drei regnerischen Nachmittagsstunden war er eifersüchtig ... Es läutete: der Briefträger ... Zurückgesandte Manuskripte: »Leider sind wir derzeit überhäuft ...« Dann ein grosses starkes Kuvert mit einer niedlichen schiefen Schrift. Er studierte den Poststempel. »Ah!« ...
Geehrter Herr D.!
Besten Dank für die freundliche Übersendung Ihres neuesten Werkes.