Ich habe es bereits gelesen, und es hat mir gut gefallen. Wo soll es denn zuerst aufgeführt werden? Waren Sie schon bei meiner Schwägerin Nina? Der müssen Sie's auch zeigen oder noch besser vorlesen. Es grüsst Sie herzlich

Mimi Lynx.

Nacht. Heinrich sass an seinem Schreibtische und verfolgte den Schatten der Feder, die lässig über den glänzend-weissen Bogen zog. Er schrieb an »Psyche. Ein Mysterium.«

Es war totenstill um ihn. Die Lampe beleuchtete voll die Tischplatte, das Fenster bis in die halbe Vorhanghöhe und den schweren Spiegelkasten. Keine Uhr tickte. Von draussen kam gedämpftes Strassenleben herauf: Wagenrollen und Tramwayklingeln. Er lag über dem Papier und fühlte sich müd und traurig. Weltverlassen erschien er sich, elend ... Er dachte an den Sommer, an die Zeit beim Hans, an den Wald und die hohen, hohen weissen Wolken. Martha L. stieg aus der schwerfälligen Landkalesche und wanderte leicht und lautlos zur roten kleinen Dorfkirche ... Er dachte an diese wundervollen Sommernächte. Wie sie beide, er und der Hans, einander gegenüber in den breiten Betten in ihrem selbstgeschmückten Heim unterm Dache fast bis in den Morgen hinein gelesen und geplaudert hatten, während der Mond durch die schmalen Rundbogenfenster ins Zimmer lugte. Oft war er aufgestanden und ans Fenster getreten. Diese klare silberne Kühle draussen! Die stillen hohen schwarzen Pappelbäume und drüben der Wald mit weissen Kronen. Der Himmel rein, dunkelblau, unendlich über dem Berge und über dem träumenden Garten, der an Eichendorff gemahnte und die Posthorntage ... So fern alles, vergangen, nie mehr zu haben, nie mehr! ... Dann sah er die Paula auf der Bühne, unwahr, fremd, mit traditionellen Gesten, hörte ihre Bühnenstimme und ihr Bühnenlachen ... Die Paula, wie er sie auf dem »Ring« getroffen hatte, verdrängte die Schauspielerin. Er konnte sie nicht aus dem Cylinderglänzen und dem trüben nassen Herbsthimmel bringen, sie wanderte immer an der Seite ihrer »Gesellschafterin« vor ihm her, immer vor ihm her, er sah ihren geschmeidigen Rücken in der pelzbesetzten weiten Jacke, die Hand, wie sie das Kleid hielt, den hohen Absatz, der unter dem Saume erschien ... Dann schrieb er wieder einige Zeilen ... Plötzlich hielt ihn seine Schöpfung fest, die Worte wollten ins Leben, er unterlag ihnen, willenlos liess er sich mitnehmen von der Schönheit ihrer Leidenschaft. Er schrieb, dass die Feder unwillig krächzte. Sie kam den Gedanken nicht nach, sie wehrte sich. Und auf einmal überfiel ihn eine namenlose Angst, die Angst vor den eigenen Worten, vor diesen seltsamen schlanken Versen, die aus ihm kamen, lautlos, selbstverständlich, und sich ins Sichtbare, ins Gewisse verwandelten unter der schwarzen Spitze der hässlichen Feder. Hinter seinem Rücken lag die Finsternis, lag das unheimliche, unhörbare Leben der Finsternis eines verlassenen Zimmers, dessen Türflügel weit offen standen. Eine eisige Kälte kroch ihm über den Rücken, seine linke Hand, die auf dem beschriebenen Bogen ruhte, begann bis in den Arm, bis in die Schulter zu zittern, er hätte aufgeschrieen, wenn er den Mut dazu gehabt hätte ... O, wenn der Hans jetzt käme! Diese warme Stimme, diese lebensfreudigen Schritte, wenn er sie gehört hätte! ... Er hielt inne und lauschte. Er vernahm nur sein Blut, und dann fiel sein Blick in die spiegelnde Scheibe, und er sah sich in einem weissen Lichtschimmer, unwirklich, mit tiefen dunkeln Augenflecken ... Die Angst stieg um ihn in die Höhe, langsam, feierlich wie Rauchsäulen; in seinen Ohren klang sie, und etwas Grässliches, Grosses, Eiskaltes nahte, schritt aus der Finsternis hinter ihm heran ... Jetzt senkte sichs wie eine Hand herab, sie wollte auf seiner Schulter liegen, er bückte sich, kroch in sich zusammen, erschauerte vor Kälte ... Da ging die Türe. Er schrak zusammen und schrie ... »Servus,« sagte der Hans, »was hast Du denn?« Alles war vorbei. Er drückte ihm zärtlich, dankbar die Hand. »Was hast Du denn?« »Nichts, nichts.« Und er fühlte mit Entzücken, wie es um ihn lichter und wärmer wurde, wie ein Ring um seinen Kopf zerfiel, wie seine Glieder aus ihrem Erstarren sich lösten ... Dann zündete er sich eine Cigarette an und sah sich im Zimmer um. Da stand ein Diwan, dort das Bett, und die Tür war offen, und die Klinken glänzten so gemütlich ... Er stand auf und ging umher ... Der Hans erzählte von der Paula ...

Mimi Lynx war in Wien. Sie hatte an Heinrich ein paar Zeilen gesandt. Er traf sie bei der Baronin Nina E., ihrer Cousine. »Sie sind in Wien, gnädige Frau?« »Wie Sie sehen, Herr Heinrich.«

Es war ein warmer Novembernachmittag. In dem kleinen Boudoir der Baronin Nina wartete ein Strohteetisch mit mehreren Etagen unter einer langen gravitätischen Reihe dickbauchiger orientalischer Krüge auf einem Wandbrette. Ein hellgelbes Halbkreissofa war von niedrigen japanischen Wänden fast umstellt. Dieser Teil des Zimmers mit dem hoch an der halb getäfelten Wand hinaufreichenden dunkelroten Kamin lag im Schatten. Am Fenster stand ein Blumentisch und ein überladener zierlicher Schreibtisch aus goldbemaltem Ebenholz. Ein lebensgrosses Kniestück der Baronin auf einer schlanken Staffelei zeigte die kleine weiche Frau in grosser Toilette, einen roten Plüschmantel um die vollen Schultern ... Nina E. hatte es verstanden, ihren Salon beliebt zu machen. Sie hatte sich die ganze Gesellschaft erobert durch die unnachahmliche Grazie, mit der sie allen Leuten Liebes und Gerngehörtes auf eine diskrete Art sagt. Die jungen Herrn besonders schwärmten von ihr. Und keiner wagte sich mit Andeutungen an ihre Person. In einem ständigen Verkehre mit diesen Damen der höheren Halbwelt hatte sie sich rein zu erhalten gewusst und liebte ihren Mann. »Es ist charmant und soll de facto wahr sein,« hatte sich die Gräfin Anna Wartnegg-Zierlinska, die »kompetent« war, darüber geäussert. Nina E. besass zwei blonde Mädchen, deren Lachen das Vestibül des kleinen Hotels erfüllte, wenn der Besucher dem Diener seinen Mantel übergab. Denn die Kinder bewohnten das Parterre und machten kein Hehl aus ihrer Gegenwart. Diese zwei kleinen Stumpfnasen wussten, dass sie im Hause etwas bedeuteten.

»Nehmen Sie eine Tasse Tee, Herr von D.?« fragte die Hausfrau mit ihrem gütigen Lächeln, das die alltäglichsten Worte zu kostbaren Liebenswürdigkeiten umschuf.

»Bitte, Baronin, sehr gern.«

Und nun sassen sie beim Tee, und Mimi naschte Bonbons aus einem grossen violetten Ridikül, rauchte Cigaretten mit Goldmundstück und spielte mit drei ernsten Pagoden wie ein kleines Mädel. Er freute sich, sie war übermütig, und Nina gab dem Ganzen die milde Weihe. Er dachte: »Wenn diese Frau dabei sässe, würde eine Marquis de Sade-Scene zu einem Kinderstubenscherz an einem schulfreien Nachmittage.« Endlich küsste er den Damen die Hand, nahm seinen Hut und Stock und verneigte sich. »Besuchen Sie uns in der Oper, wenn Sie wollen, Herr von D.,« sagte die kleine weiche Frau und nickte mit dem schlanken Madonnenhalse: »Erster Rang 26.«

Nach dem Theater wollte Mimi eine Strecke zu Fuss gehen. Die Baronin Nina schickte den Wagen voraus, und sie schritten schweigend über den Ring. Heinrich sah auf ihre Schatten und freute sich, wenn Mimis Schatten und sein eigener aneinander gerieten. Einmal kam er mit seiner rechten Hand an ihren Handschuh. Es durchfröstelte ihn. Und er versuchte, das leise Anstreifen zu wiederholen. Sie gelangten an die Tramwaygeleise. Die Laternen hörten auf, die Schatten verschwanden. Da nahm er seinen ganzen Mut zu einem Wagnis zusammen und ergriff Mimis kleinen Finger. Sie liess ihm den Finger. Er drückte ihn, dann umschmeichelte er die ganze Hand. Sie steckte ihren kleinen Finger in die Oeffnung seines Handschuhes über dem Gelenk und tastete höher nach der Handfläche. Er sah sie an. Schon näherten sie sich wieder den Laternen. Da griff er in die Tasche, holte eine Cigarettendose hervor, liess das Schloss Ninas wegen laut knacken und zog dann den rechten Handschuh aus. Die Berührung war jetzt unmittelbarer. Er bebte am ganzen Körper ... Wieder Laternen: die Schatten kamen rasch um ihre Gestalten herum und wuchsen vor ihnen in die Länge. Klar und scharf wanderten sie vor ihren Füssen. Er steckte beide Hände in die Taschen und begann auf einmal allerhand Dummheiten zu erzählen. Manchmal kam die Stimme der Baronin herüber wie aus der Ferne, sänftigend ... Der Wagen wartete. Die Damen stiegen ein. Er zog den Hut. Beim Handkuss hatte er Mimis Hand umgedreht und seine Lippen in die Oeffnung des Leders gepresst. Sie stand vor ihm und verbarg seinen geneigten Kopf instinktiv vor Nina ... Er sah ihr in die Augen. Das volle Licht der Laterne fiel auf sie. Sie hatte etwas wie Winken in den Augen, ein Leuchten innerer Freude ... Der Wagen rollte davon ...