Sie schrieben einander. Sie holte sich allwöchentlich ihre Briefe von der Post. Er erhielt jeden Samstag seinen Bericht. Und die Briefe wurden immer intimer ... Als er am zwanzigsten December nachmittags halb drei Uhr in ihr Boudoir getreten war, in dem sie ihn am Fenster hinter den Stores erwartet hatte, legte er seinen Hut auf den Sessel neben der Türe, zog dann den Flügel hinter sich zu, versicherte sich überflüssigerweise mit einem Blicke, dass ausser ihr niemand im Zimmer sei und sagte nur: »Mimi« ... Sie kam ihm nicht entgegen. Sie wartete. Er machte zwei Schritte und blieb stehen. Das Zimmer war dunkel. Der Schneehimmel hing tief. Die Glasrahmen der Photographieständer auf dem Schreibtische glänzten. Das sah er ... Da machte er noch einen grossen Schritt und umfing sie ... Er sass auf dem Sofa, hielt sie auf seinen Knieen und küsste ihre Finger, einen nach dem andern, und dann küsste er die Hand an den feinen blauen Adern entlang bis unter den Ärmel, und plötzlich packte er sie und küsste sie auf die Augen, in die Augenhöhlen unter den Brauen, auf die Nasenflügel, an den Wangen herab bis unter das Kinn und hinter die Ohren. Sie zitterte. Sie schmiegte sich an ihn, dass er ihr Herz klopfen hörte, und er hielt inne mit seinen Küssen und lauschte. Da mit einem Rucke warf sie ihren Kopf zurück, ergriff mit beiden Händen sein Gesicht, zog es zu sich herüber und presste ihre Lippen in seinen Mund. Sie hielten den Atem an, sie sahen einander in die Augen, bis sie übergingen. Vor Schmerz liess sie ihn los und atmete tief ... Da er sie leise wiegte, lehnte sie sich in seinem linken Arme schwer nach rückwärts und senkte den Kopf hintenüber, bis sich die Haut an Kinn und Hals so straff spannte wie Papier über einer Kante, wenn es am zerreissen ist. Er beugte sich zu ihrem Halse und küsste sie gerade auf die Kehle. Sie lachte und wand sich, weil es sie kitzelte. Und dann sagte sie leise, ganz leise und durch feuchte, volle Lippen: »Dummi, kleines Dummi!« ...


Er kam oft. Sie erwartete ihn, empfing ihn lächelnd wie immer und verlor nie den Blick für die Gefahr der Verhältnisse. Das brachte ihn auf böse Gedanken. Sie schien die Aufregungen einer Liaison zu kennen und erfahren die Momente des Vergnügens zu arrangieren. Aber da er sie lieb und zärtlich fand und die Überzeugung, dass er jetzt wenigstens der einzige sei, sich täglich festete, schüttelte er die unbequemen Beschuldigungen ab, küsste und freute sich seiner Jugend und der neuen eigentümlichen Steigerung seines Wesens ... Dabei studierte er zur ersten Staatsprüfung, bruchstückweise, nicht eigentlich mit Unlust, fast vergnügt, einen schönen Lohn vor Augen. Ausserdem waren die Festtage da, die Weihnachtswoche mit den vielen Urlaubern, den lange nicht gesehenen, aus allen Weltgegenden in der Heimatstadt zusammengeschneiten Bekannten. Es war ihm wie ein Fest, das man in einer Flucht glänzender Säle gibt. Man geht umher, reibt sich die Hände, hat ein Lachen um den Mund und spricht da freundlich, dort ernster, reicht die Finger, drückt die Hand, klopft auf die Schulter und macht Witze, wie's eben kommt, unantastbar als bekannter Hausherr, gern gesehen, freudig begrüsst. Dazu das Eislaufen, die lustige, kühne Bewegung im Freien: leicht gekleidet in der Winterkälte, eine Cigarette im Munde, und man ist so verwegen, alles zu unternehmen, vor nichts zurückzuschrecken. Eine schöne, selbstbewusste Zeit. Er war Mimi dankbar ... Und merkwürdig: ihren Mann gewann er täglich lieber.

Er schrieb eine Salonbluette und las sie ihr vor. Sie sass auf seinen Knieen, küsste ihn auf die Nasenspitze und trieb Unfug wie ein kleines Kind ... Manchmal kam der lange bleiche Toni Richterstätten um diese Nachmittagszeit, ja oft traf er ihn schon an, wenn er ins Zimmer trat, behaglich rauchend im Fauteuil zurückgelehnt, überlegen, geheimnisvoll und wie verständnisinnig lächelnd. Anfangs ärgerte er sich. Später sagte ihm die Gerechtigkeit, dass ihm der Toni ungemein sympathisch sei mit seiner ruhigen Pose eines Vollkommenen. Und wenn Mimi gar von seiner Hässlichkeit begann, fühlte er sich so sicher, dass er ihn verteidigte ...

Am zwölften Januar fuhr er wieder nach Wien und stürzte sich in den Fasching. Mimi kam auch auf ein paar Tage. Aber sie hatten einander nie. Sie mussten immer vor Leuten verkehren. Das war ermüdend und eigentlich fad. Zu all dem drängte das Lernen. Oft schlief er beim Buche ein in der behaglichen Ofenwärme des neu gemieteten kleinen »altdeutschen« Zimmers, wenn unten im Hofe ein Leierkasten melancholisch werkelte ... Endlich packte er seine Sachen und fuhr, einem plötzlichen Entschlusse folgend, Hals über Kopf nach Hause. Es war im März. Schon meldete sich der Frühling. Der Schnee zerging in den Glacis-Anlagen, viele Vögel sassen auf den Telephondrähten, die Bäume waren schwarz, und die Leute rannten halbe Tage spazieren ... Er rettete sich von der Spätsaison, was zu retten war, selbst die Neigung der spröden, blassen Helene Savines, die allen schnippische Antworten gab und unbeliebt war in der »exklusiven«, titelsüchtigen Provinzgesellschaft. Es war ein pikanter Flirt. Sie stritten eigentlich immer miteinander, kämpften spöttisch mit schmalen spitzen Bonmots, aber sie suchten einander und unterhielten sich ... Mimi blasste etwas ab. Sie wurde zur Gewohnheit. Die schlanke Helene war neuer, unberührter, sie reizte durch die Hecken, die stachlig und kraus um sie sprossten.

Von ferne liess er alle seine Wünsche manchmal zu der Baronin Lili Grossmölk fliegen. Die übersah ihn gänzlich. Das kränkte seine Eitelkeit. Aber er studierte die jeweiligen Günstlinge und beneidete sie.

Mit Mimi sprach er oft von der biegsamen, graziösen Frau, deren Kameengesicht so unbewegt blieb durch Tanz und Wein.

Helene ward ihm verleidet durch ihr Kokettieren. Sie hatte dabei eine Art, über ihn weg zu reden, die ihn bei ihrer sonstigen Vertraulichkeit verdross.

Überhaupt fiel ihm plötzlich ein, der ganze Unsinn sei nicht nötig. Er fuhr wieder nach Wien.

Mitte Mai kam er zurück. Er spielte den Blasierten und hielt lange Reden über Nichtigkeiten. Merkwürdigerweise war er auch ins systematische Studieren geraten. Daneben forcierte er das Rudern. Er gefiel sich in dem glatten Trikot, mit den mageren weissen Knabenarmen. Und jetzt verliebte er sich eigentlich erst recht in Mimi.