Einmal kam er zu ihr am Nachmittage. Sie war im Gartenhause, lag auf einer grünen Bank und schien gelesen oder geträumt zu haben. Damals war sie ihm etwas ganz Neues, Seltsames. Sie kam ihm wie nackt vor. Sie hatte ein sehr weites hellblaues Bebékleid an, das eine Gürtelschnur um die vollen Hüften zusammenhielt, und so feine schwarze Seidenstrümpfe, dass ihre Waden unter seinem Blicke zu erröten schienen. Als er sich zu ihr setzte, legte sie ihm beide Füsse in den Schoss. Er zitterte. Sie schob sich langsam, die blossen Arme unter dem lockeren dichten Haare gekreuzt, zur sanft gewölbten Kopflehne hinauf. Dabei stemmte sie ihre Beine gegen ihn und seufzte. Dann lächelte sie wieder mit ihren starken Raubtierzähnen und schloss die breiten weissen Augenlider. Ihm war heiss vom Gehen. Das verdunkelte Gemach roch nach süssem Parfum, »Kirschblüten«. Er beugte sich und küsste ihren Fuss über der Masche an dem zarten Lackschuh. Sie streifte die Schuhe ab und schleuderte sie in die Mitte des Zimmers. Dabei verschob sich das Kleid bis unter das rechte Knie. Ihn ängstigte die schwüle Stille ...

Die Türe knarrte. Er sprang auf. Knox, der stichelhaarige Irishterrier drängte sich mit schnuppernder Nase herein. Und nun setzte die Aussenwelt wieder ein, die Blätter vor den Fenstern rieselten wieder im grellen weissen Lichte, die Schmetterlinge flogen über die Beete, und die Kieswege vereinigten sich vor dem grossen roten Majolika-Pilze des Bassins ... Später sassen sie zusammen unter der alten Linde am Gitter, das nach dem Hofe ging, und tranken Tee. Die hübsche schwarze Pepi mit den lüsternen Augen unter den zusammengewachsenen Brauen bediente sie, eine hochbusige, schmalhüftige, braune Wienerin, auf die die Mimi sehr stolz war. »Sie hat Rasse, das Mädel. Gefällt sie Dir nicht?«, hatte sie ihn schon oft gefragt. Und »Warum küsst Du sie nie? Küss' sie einmal vor mir! Ich möchte sehen, was sie macht?« Diese Reden hatten ihn immer geärgert. Und er schämte sich vor der Pepi, wenn er sie fragte, ob die gnädige Frau zu Hause sei. Heute schien sie ihm besonders mokant und innerlich überlegen lächelnd. Er sagte das der Mimi. »Sie hat recht, die Pepi,« sagte die junge Frau in dem zarten hellblauen Kinderkleide und setzte die goldrandige Tasse vom Munde. Die feuchten roten Lippen in dem blassen Gesichte dunkelten wie blutende Wunden. »Du bist auch ein ganz fürchterlich dummes, dummes Bubi!« »Warum?« Er presste sein Knie an ihr Knie, das nackt und kalt sich fühlen liess. »Warum?« ... Sie trank, leckte sich die Mundwinkel mit der raschen hellrosa Zunge und lehnte sich im Schaukelstuhle zurück. »Weil Du das nicht nimmst, was man Dir geben will.« Er sah sie an, lächelte, wie er meinte, unsäglich dumm, errötete dann über sein Lächeln und schneuzte sich ... Da kam der Gatte mit drei grossen Doggen und gab ihm die Hand. Es schlug fünf ...

Er war traurig, unendlich traurig. Dass er sich immer ja noch einmal erschiessen konnte, genügte ihm heute nicht. Das war doch gar zu schmählich. Und ist es damit auch aus? Ja, sagt man. Wer ist das »man?« Also nicht einmal das hatte man sicher! Wozu dann das Ganze? Er liebte Mimi. Gut. Übrigens, ob das wahr war? Immerhin durfte er sich's einbilden.

Er lernte für die erste Staatsprüfung, diesmal »Siegel, deutsche Rechtsgeschichte«. Über den »Stadtbüchern« kamen ihm diese Gedanken ... Ein Frühlingsregen ging nieder. Er nahm einen grünen Band mit rotem Schnitt: »Brandes, Naturalismus in England«. Nicht einmal das hatte er ausgelesen! Und es interessierte ihn doch, es freute ihn. Ja, faul war er, faul! Er sagte es sich laut vor, dann warf er sich über die ausgestreckten Arme auf den Schreibtisch und schloss die Augen ... Er musste gähnen. Und Mittag würde er wieder essen, mit Appetit essen. Suppe, Rindfleisch mit Schinkenreis und grünen Erbsen, drei, vier Stück Hausbackwerk, zwei Glas Wein, zwei Äpfel, ein Stück Brot, zwei Schalen schwarzen Kaffee. Dann würde er lesen bei einer Cigarre um achtzehn Kreuzer. Vielleicht Gottfried Keller, vielleicht Balzac, Père Goriot, wenn er die rechte Aufmerksamkeit haben würde. Und etwas von Baudelaire übersetzen, mit dem Wörterbuche, die verkohlende Cigarre in der Hand ... Oder zur Mimi gehen und dort bis fünf bleiben. Und später bei der Grossmutter sitzen, »Über Land und Meer« anschauen und in einem alten Taschenbuche blättern mit stockfleckigen Stichen ... Das ist Leben! Elend, elend! ... Eigentlich sollte er lernen, fest lernen! Es langweilte ihn so.

Und wozu das? Beamter werden, »eingeführt« werden in Häuser, die ihn nichts angingen, spazieren gehen in diesem Neste mit »Freunden«, willenlos auf und abgehen, bis es ein Uhr schlägt und man nachhause muss. Und in Zeitungen schreiben, zwei-, dreimal die Manuskripte zurückbekommen, da und dort angenommen werden, bekannt werden in Literaturkaffeehäusern und in ostpreussischen Dichterblättern. Pfui! Zu Hause sitzen und zusehen, wie Menschen und Tiere älter werden und trauriger. Oder zu Bekannten gehen und zusehen, wie die Leute dicker und selbstsicherer werden, wie sie an goldenen Uhrketten spielen und Kognak trinken, zuhören, wie sie über ein neues Stück sprechen und über nordamerikanische Silberpolitik oder über die Avancementverhältnisse bei der Landwehr. Pfui! ... Und war er denn seiner Sache so sicher, dass er wirklich etwas anderes sei als die Leute, die mit goldenen Uhrketten spielten und über die Avancementverhältnisse bei der Landwehr sprachen? War nicht sein ganzer Stolz das bissel Dichten und Gescheitsein? Gott, Gescheitsein! Andere sinds auch und wissen viel mehr und beherrschen vier, fünf Sprachen und sind doch nichts! Und war das ein Leben, dazusitzen und dem Geticke der zwei Taschenuhren zuzuhören, die vor ihm lagen, dann in das Buch zu starren und schliesslich Rindfleisch zu essen? ... Er schrieb einige Zeilen auf ein beschmutztes Blatt Papier, die ihm schal und dumm vorkamen, dann spuckte er mitten ins Zimmer und ärgerte sich, dass der Kakadu schrie. Endlich nahm er den gelben Überrock, steckte Cigaretten ein und ging spazieren.

Mimi schrieb kleine blaue Karten, oft zweimal im Tage. »Mein Kleines! Mir ist bang nach Dir! Wenn Du kommst, so komm unter dem Vorwand, mir ein Buch zu bringen, ¼3 zu mir. Vielleicht sind wir dann einen Augenblick allein.« ...

Dann war sie vierzehn Tage bei ihrer Mama, Frau von Wirt, in der Villa. Er war ungehalten wegen böser Gerüchte, die sie ihm in ungünstigem Lichte zeigten. Sie schrieb:

»Lieber Herr!

Diese reizenden Sacherln, die Sie sich jetzt in den Kopf zu setzen belieben, – bitte ich Dich, Freitag daheim zu lassen. Ich finde sie viel zu dumm, als dass ich Ihnen erst lange versichern wollte, dass Ihre Befürchtungen grundlos sind. Altes Dummi! wann wirst Du mir endlich glauben??? Ein Bussi, Du.

Aber Herzi, sei gut! Bis Du das nächste Mal kommst, darfst Du mit mir Kirschen reissen ... Die Helli K. ist drei Tage bei mir. Wir liegen zusammen und plauschen Nachts unglaubliche Dinge. Auch von Dir ...«