Er fuhr nach Stechnitz. Es war sehr heiss. Der Wagen rumpelte durch die Felder. Der kleine rote Kirchturm ragte aus dem Grün. Das Kreuz glänzte in der Nachmittagssonne ... Frau von Wirt schlief. Die jungen Damen seien im Walde, sagte der Diener, ein verbrannter Mensch, der in Hemdärmeln am Brunnen sass und eine Cigarre rauchte. Das Haus lag still. Alle Jalousien waren herabgelassen. Die Sträucher standen steif und staubig. Das dumpfe Geräusch der schweren Hufe der Pferde im Stallstroh hatte etwas Kühles ...

Er gab dem Diener seinen Mantel und den Weinbeerstock, steckte beide Hände in die Taschen und schritt, die kurze englische Pfeife im Munde, durch den Weingarten zum Walde ... Dort war es noch stiller. Manchmal ein Specht, ein Rascheln im Laube vom Vorjahr, ein niederflatterndes Blatt. Zwischen den Stämmen war es kühl und dunkel. Das Moos roch ... Die Damen lagen in einer laubgefüllten Grube. Helene Kortmann war ganz in Weiss, eine grosse Schärpe mit braunroten und atlasglänzenden Zeichnungen um die Taille. Sie hatte weisse Halbhandschuhe an. Ihr Hut war so breitrandig, dass er ihr kleines dunkles Gesicht fast verbarg. Aber ihre grossen himmelblauen Augen schimmerten. Sie gab ihm langsam die Hand und rührte sich kaum. Mimi, in ihrem Bebékleide mit blossem Nacken, blossen Armen, ein goldenes Herz, wie es Kinder tragen, an einem dünnen Bande um den Hals, war aufgesprungen. Unter den Augen brannten ihr die Wangen, sonst war sie gleichmässig blass. Er küsste ihr die Hand, sie gab ihm einen leichten Schlag über den Mund. »Das für Ihre Gedichte von vorgestern,« sagte sie. »Wir haben sie zusammen gelesen. Die Helen' hätt ihnen solche Schlechtigkeiten gar nicht zugetraut.« Helene sagte nichts. Sie sah ihn nur mit ihren grossen himmelblauen schimmernden Augen an. Er lächelte verlegen. Es ärgerte ihn, dass das alles so officiell war. Er brauchte diese Kortmann nicht als Vertraute. Er zürnte Mimi, die gleich seinen Unmut fühlte. »Ja, wir haben keine Geheimnisse,« lachte sie und legte sich zu Helene. »Nicht wahr, Heli?« Helene reichte ihr langsam die Wange zum Kusse. Er hätte am liebsten beide geschlagen. Oder noch besser ... Es überkam ihn plötzlich wie ein Rausch. »Legen Sie sich nur auch her, Herr Harry,« sagte Mimi und machte ihm Platz zwischen sich und Helene. Er liess sich langsam, vorsichtig nieder. Ihn schwindelte, als er sich über die beiden Frauen beugte. Sie waren ihm beide so nahe, sie dufteten so stark, sie hatten die ganze süsse Müdigkeit des Frühlingsnachmittags in den Gliedern.

Er sah zu Mimi hinüber. Er erblickte ihr Gesicht von unten, zuerst das volle weiche Kinn, dann diesen sündenfrohen lächelnden Mund, die weitaufgerissenen Nasenflügel, durch die die Sonne schien, und die seltsamen Kinderaugen unter der weissen halbmondförmigen Stirn. Er dachte: »Mit diesen beiden wunderschönen Frauen im Walde, im Frühling. Mimi ganz weiss, ganz weich und leuchtend, mit einem dünnen rosa Schleier, Rosen über den ganzen Körper gestreut, Helene, braun und glänzend wie eine Haselnuss, in ihre schwarzen, langen Haare gehüllt, die Arme unter dem Kopfe verschränkt, die grossen himmelblauen Augen träumend in den Wipfeln, ich selbst, ein Ephebe, schlank und schön, o so schön, dass diese Frauenschönheit neben mir erbliche, so schön wie ein Lied der Sappho, bartlos, ganz bartlos mit langen, langen, schwarzen Wimpern und müde vom Lieben, müde von der eigenen Schönheit ...«

Und dann sagte er, was er gedacht hatte, sagte mehr und blickte dabei fortwährend in das Blau über ihm, in dem die hohen dünnen Wipfelzweige bebten und Sonnenstaub flimmerte ... Der Kuckuck rief. Mimi richtete sich auf. »Wielange leb ich noch?« Ihre Augen horchten in Erwartung. Sie stemmte einen Arm gegen die Böschung und zählte halblaut: »Eins, zwei, drei ...« Da schwieg der Kuckuck ... Eine Wolke zog über die Sonne. Aus ihren Augen schwand das Licht. Es war kühler geworden ... Stille ... Nur leise, leise rührten sich hoch oben die Blätter ...

Helene erhob sich und schüttelte ihr Kleid. Dann sagte sie: »Ich hole ein Buch. Herr von D. soll uns etwas vorlesen.« Er war aufgestanden, verneigte sich; dann sah er Mimi an. Ihre Augen riefen etwas. Und in ihm schmetterte Fanfarenmusik. Mimi sagte: »Aber Helene, Du wirst doch nicht den Weg machen ...?« – »Wirst Du ihn machen?« – »Aufrichtig, nein. Aber ...« – »Wir können nicht so hier liegen, wenn Deine Mama kommt. Und unten bleiben will ich auch noch nicht.« Sie ging. »Ich werde mich nicht hetzen.« ... Man hörte ihre leichten Schritte auf den abgestorbenen Blättern. Dann verschwand sie hinter den Stämmen. Es raschelte noch ... Sie wagten nicht, einander anzusehen. Es war zu gewiss. Sie fühlten, wie es näher kam, näher, näher, wie ein Viergespann kam es um eine Säule. Sie hielten den Atem an. Und plötzlich wandten sich beide zu einander. Mit einem Male, wie auf Befehl. Sie sahen einander in die Augen ... Er nahm sie um den Leib und trug sie. Er sagte nur fortwährend: »Liebe, liebe, liebe, liebe Mimi!« Sie hing an ihm, schwer, angst-bleich und mit geschlossenen Lidern ...

Abends kam ein Gewitter. Frau von Wirt liess einspannen. Heinrich fuhr mit Gustav Lynx in die Stadt. Sie rauchten schweigend. Er war stumm vor lauter Glück, entzückt über den Regen, entzückt über das scharfe Traben der Pferde, entzückt über die dunkelblaue Nacht, die Cigarre war vortrefflich. »Und morgen ist mein zwanzigster Geburtstag,« dachte er.

Mimi schrieb:

»Heute war ich im Walde, gerade im grössten Regen. Ah, das war schön! Ohne Schirm und Hut bin ich hinausgelaufen, zu Hause haben sie rein denken müssen, ich sei verrückt geworden. Du weisst nicht, wie schön das ist: allein im Walde, Du, bei schlechtem Wetter! Wie feines Glockengeläute klingt das Fallen der Tropfen auf dem dürren Laub – eintönig –, dann wieder ein Windstoss, dass die alten Bäume erzittern, laut krachend Äste zu Boden fallen, mir eine ganze Ladung Wasser ins Gesicht spritzend. So wohl habe ich mich schon lange nicht gefühlt. Die Kälte, die mir langsam durch alle Glieder kroch, war mir angenehm, ich hätte am liebsten laut aufgeschrien vor Behagen. Du weisst nicht, wie kalt das ist, wenn Wind durch völlig durchnässte Kleider fährt. Eine kalte Einpackung ist nichts dagegen. Und ich hab Kälte so gern. Das reizt mich, regt alle meine Sinne auf. Ich muss da an einen warmen Körper denken.

Ich stand lange an einen Baum gelehnt und sah dem Stürmen zu. So nun bin ich trocken. Ich konnte in der Kälte wirklich nicht weiter schreiben, die Finger waren ganz starr. Ich werde das bald wieder aufführen, weisst Du, so ein Sturm nimmt all die schwülen hässlichen Gedanken mit. Ich kann seit gestern ein Gefühl der Scham Dir gegenüber nicht los werden. Du, das ist mir schrecklich, das Gefühl hab ich schon lange nicht gehabt – Du, ich hab Dich lieb! –«