»So ein Regentag auf dem Lande ist rein zum Verzweifeln. Da ist mir meist bang nach Dir, was ich ja nicht immer sagen kann. Weisst Du, ich glaube, ich bin gar nicht imstande, jemanden zu lieben. Ich tue das nur, wenn ich mich recht langweile. Da überkommt mich so ein Gefühl, ich will nicht sagen Sehnsucht, nein, eher der Wunsch, jemanden bei mir zu haben, der mich liebt. – Ich lasse mich gerne lieben, selbst kann ich es nicht.«


»Kleinchen, mein süsses, herziges! Vor allem verzeih das Papier –, aber ich kann jeden Augenblick überrascht werden, da mische ich diesen Bogen einfach unter einen ganzen Haufen ebensolcher. Da soll dann einer was herausfinden! Wozu schreibe ich? Es wandert ja doch wie schon so oft ins Feuer –. Nein, diesmal doch nicht, denn ich will Dir ja sagen, dass ich von Montag an in der Stadt bin. Wie lange weiss ich noch nicht. Wir fahren bald fort. Doch nach Ostende. Kleinchen, hast mich sehr lieb? Ich denke, die Fehler machen Dir nichts, ich hab deren so viele, da kommt's nicht mehr darauf an, ob die Schrift ordentlich ist. Wer mich nicht mag, wie ich bin, solls eben bleiben lassen ... Wozu ich Dir das alles schreibe? Als hättest Du alle diese Wische gelesen! Aus Langeweile ... Nein, Bubi, nicht bös sein, ich gesteh's ja ein, reuevoll: »Ich hab Dich lieb.«

Er musste lernen, lernen. Wie ihm das jetzt zuwider war! Und abends las er Dante, und um ein Uhr nachts steckte er sich noch eine Cigarre an und sah ihren dünnen blauen Rauchstreifen nach ...

Sonntag-Morgen. Frühgeläut über Buchenwipfeln. Der Fluss liegt klar und spiegelt die Ufer. Alles ist sonnenleuchtend und dabei doch taufrisch. Längs des Flusses reiten die beiden Freunde, Heinrich und Toni, im Gespräche. »Glaubst Du noch immer an ›die Frau‹?« sagt der Toni. »Das ›Ewigweibliche‹ in uns lässt sich halt nicht unterdrücken. Ich glaube an gar nichts –. Herrgott! der Gaul hustet ja.« Sie entzünden ihre Cigarren und treiben die Pferde an ... Über Rotlaub vom vergangenen Winter. Oft springt ein Stein auf und über die Böschung hinab. Wasserplumpsen und weite vergleitende Kreise. Ein schwerer holpernder Leiterwagen kommt von der sanft ansteigenden Waldhöhe. Rechts und links weichen die Reiter aus im Schritt, der am Uferrande vorsichtig. Dann tiefer hinein in den Wald. »Du hast keine Macht über das Weib, Harry,« sagt der Jäger. Was der eigentlich glaubte? Wenn er wüsste! ... »Du kannst sie nicht führen. Sporen geben und hopp!« und damit sprengte er seinen Falben ein, dass er schäumte. Dann riss er ihn wieder herum und führte das gischtbedeckte Tier, das zitternd in die Stangen biss, zurück. »Weiber und Pferde. Wenn nur der Richtige die Zügel hält? Blut muss es setzen! Du, weisst Du was? Beiss sie einmal in die Hand, aber nicht tändelnd und so lala, sondern fest, dass sie aufschreit! Schau, das wird ihr gefallen. Ich kenne sie.« »Hast Du vielleicht selbst schon das Mittel versucht?« »Ich?!« Und ein schallendes Lachen ...

Er kam, um Abschied zu nehmen. In dem kleinen teppichweichen Boudoir war es fast dunkel. Der schwere Fenstervorhang verdeckte die Stores.

Im Nebenzimmer dagegen standen die Fenster weit offen. Sonnenstaub tanzte über dem bronzenen Rauchtische.

Mimi hatte ein weisses Piquékleid an. Sie war sehr bleich. Um ihre grossen müden Augen lagen tiefe blaue Schatten. Die Lider hingen schwer, die langen feinen Wimpern senkten sich wie dünne Stacheln. Sie lehnte sich an ihn und küsste ihn. Plötzlich weinte sie ... So hatte sie schon einmal geweint, im Walde, als er vor ihr lag und zu ihr emporblickte. Damals war das so kindlich rührend, gar so lieb-traurig. Er hatte sie damals gefragt: »Fehlt Dir was, Mimi?« Und sie hatte den Kopf geschüttelt, energisch, wie um zudringliche Gedanken abzuwehren, und hatte durch Tränen gelächelt. Es war, wie wenn durch Regenstrahlen die milde Aprilsonne kommt ... Und wieder wie damals fragte er sie: »Fehlt Dir was, Mimi?«

Sie schluchzte. Er strich ihr über das Haar, leise, zärtlich. So tröstet man ein Kind, dessen grossem gegenstandslosen Schmerze gegenüber, der Lebensfurcht, die einen später zerreibt, man ja auch so gar nichts zu sagen weiss.

»Wein' nicht, Mimi!«