Als sie auf ihrem Haupt die frischen Blüten fühlten, ergriff die Huldinnen heiße Sehnsucht nach der Schönheit der Welt, die sie hatten verlassen müssen, und die in immer neuer Herrlichkeit geblieben war, mochten Zeiten und Götter kommen und weichen. Zu dreien faßten sie sich bei der Hand, stiegen tiefer und tiefer hinab, schritten weiter und weiter in den Mondglanz hinein, davon sie selber Strahlen zu sein schienen.
Sie erkannten die Gegend: den Hain der Diana von Ariccia. Die Wipfel wölbten über ihren bekränzten Häuptern feierliche Kuppeln, welche die moosigen mondbeschienenen Stämme als Säulen aus Smaragd stützten; und durch das Laubwerk der niederhängenden Äste schimmerte aus der Tiefe eine kreisrunde Silberfläche: der Spiegel der keuschen Schwester des leuchtenden Gottes, von den Christen dieser Tage in rohem Verkennen lago di Nemi genannt.
Aber vergeblich schauten die neun nach dem zierlichen Rundtempel aus, der sich einstmals auf einem Felsenvorsprung des hohen Uferrandes erhob; vergeblich lauschten sie auf den Gesang der jungfräulichen Priesterinnen. Auch die wunderbaren Schiffe der Kaiser Tiberius und Caligula konnten sie nirgends erspähen; und als sie über die Narzissenflur schritten, darauf sie manche Frühlingsnacht heimlicherweise die Adonisfeier begangen hatten, umfing sie eine Einsamkeit, als wären von allem Göttlichen des schönheitstrunkenen, heiteren Heidentums nur sie übriggeblieben.
Doch hofften sie noch immer zu finden, was zu suchen sie ausgingen. Also eilten sie weiter und weiter.
3.
Auf der Via Appia antica schritten sie schwebend dahin. Der Saum ihrer Strahlengewänder streifte die schwärzlichen Lavasteine und ihre Füße, die bisweilen den Boden berührten, spürten die tief in das harte Gestein gegrabenen Spuren der Wagenräder aus den Zeiten, da auf dieser Straße ein Gewimmel aller Völkerschaften der Erde Rom zudrängten, dem goldenen, dem ewigen Rom (Roma eterna)! War aber Rom ewig, so mußten die Suchenden in Rom auch die »ewigen« Götter finden.
Grabmale zur Rechten, zur Linken: die traurigen Ruinen der einstmals gleichfalls für die Ewigkeit errichteten Totenpaläste. Zur Rechten, zur Linken gestürzte Säulen, zertrümmerte Sarkophage, gebrochene, einstmals herrliche Marmorleiber. Dazu Öde ringsum; Schweigen des Todes in den Lüften ...
Vor den Schreitenden, den Schwebenden, ein langgezogener Lichtstreif, hoch in den Horizont hinaufsteigend, als stünde der Himmel in Flammen. Dort, vor ihnen, lag Rom. Ganz Rom mußte in Flammen stehen! Schon einmal hatten die hohen Jungfrauen Rom brennen sehen — da der ruchlose Sohn der kaum minder verruchten Agrippina über Rom herrschte. Als Nero im Anblick der lodernden Stadt im Gewande Apolls, die Strahlenkrone auf dem Haupt, zur Leier den Brand Trojas besang, waren sie zürnend entwichen: hinauf nach Tusculum; und sie hatten die Stätte der Gotteslästerung lange gemieden. Heute nun eilten sie dem brennenden Rom entgegen, getrieben von einem Gedanken, der sie hinzog wie eine geheimnisvolle Gewalt: »Wenn noch Götter sind, so müssen sie in Rom zu finden sein!«
Sie langten an. Aber — war das Rom? Das! Wo waren die Tempel, die Basiliken, die Portiken, die Altäre, die Bildnisse in Marmor und Erz? Die Bildnisse von Göttern und Helden!
Versunken, verschwunden ...