An mancher Hauswand, mancher Straßenecke befand sich das Bildnis einer Frau, darunter ein mattes Lichtlein glühte. Immer war es dasselbe unsäglich traurige Antlitz. Einige Male war die Brust der Schmerzensreichen von Schwertern durchbohrt und ihre Augen weinten blutige Tränen. Von Mitleid ergriffen, blieben die Musen vor Maria stehen. Sie erkannten ihre hohe Fürbitterin; und diese und jene nahm sich den Frühlingskranz vom Haupt und legte den blühenden Schmuck schweigend bei dem blassen Bildnisse nieder. Da war es, als ob die leidensvollen Lippen der Gottesgebärerin ein leises, ganz leises Lächeln umspielte.

5.

Weiter schritten sie, und betraten eine breite Straße. Auch hier war es einsam. Aus der Ferne drang der Karnevalslärm zu den Wandelnden herüber wie das Rauschen eines Meeres von Stimmen und Tönen. Zwischen zwei Reihen von Palästen ging es allmählich hinan, einer festlichen Treppe zu, inmitten von weißblühendem Buschwerk, dunklem Lorbeer und feierlichen Palmen. Gleich weißen Rosen lagen die Mondesstrahlen auf den Marmorstufen.

Langsam stiegen die heiligen Neun zur Höhe empor. Auf dieser umfingen Säulenhallen ein ehernes, im Mondglanz wie Silber leuchtendes Reiterstandbild, bei dessen Anblick den schönen Heidinnen etwas leichter um die beschwerten Gemüter ward; und plötzlich rief die eine — es war Jungfrau Clio — mit fast fröhlicher Stimme und Miene: »Das ist ja unser lieber Marc Aurel!«

Da echoten alle im Chorus: »Ei, das ist ja unser lieber Kaiser Marc Aurel!«

Doch dann sprachen sie untereinander: »Eigentlich ist er gar nicht unser lieber Kaiser! Denn eigentlich hat er sich aus uns herzlich wenig gemacht. Das kam von seiner großen Gelehrsamkeit. Bei solchen gelehrten hohen Herren geht es unsereins nicht allzugut. Auch wir wollen mit ihnen nichts zu schaffen haben. Immerhin, wenn man so verlassen und verloren ist, wie wir Armen, freut man sich einem alten Bekannten zu begegnen.«

Und nun hielten sie vor dem Kaiserbildnis ein kleines behagliches Schwätzchen, welches sie derartig erfrischte, als wäre ihnen auf dem kapitolinischen Hügel von dem freundlichen Knaben Ganymedes eigenhändig eine Schale Nektars kredenzt worden ...

Wie sie hineingelangten, wußten sie schließlich selbst nicht. Genug, sie gelangten hinein! Vor ihnen öffnete sich Saal auf Saal; und jeden Saal füllte ein bleiches stummes Marmorvolk, eine wahre Heerschar olympischer Gestalten. Die schneeigen Glieder umflossen die Mondstrahlen, daß sie in unirdischer Verklärung erglänzten; aber sie standen regungslos und blaß wie Gestorbene. Es waren die Bilder ihrer höchsten Götter und Göttinnen, nebst allen heidnischen Sippen: Faune und Satyre, Nymphen und Kentauren; dazu Amazonen, Heroen, Epheben. Auch Antinous neigte sein junges Haupt mit einem Ausdruck unsäglicher Trauer; und sämtliche Weisen Griechenlands waren wie zu einem Kongresse versammelt.

Die Musen eilten von einer Statue zur anderen, schauten und staunten, grüßten die Marmorbilder, nickten ihnen zu, sprachen zu ihnen, erhielten keine Antwort, klagten, weil sie starr und stumm blieben: empfindungsloser leuchtender Stein.

Wie aber ward den guten Jungfrauen zumute, als sie ihren eigenen Gott und Herrn, Apollon Musagetos, erblickten: in wallendem, feierlichem Gewande, bekränzten Hauptes, im Arm die Leier, deren Saiten einstmals Melodien entströmten von Ewigkeitsklang. Fühlloser Stein auch er! Die Seinen umringten die göttliche Gestalt, schauten dem Herrlichen in das emporgehobene strahlende Antlitz, riefen leise, leise seinen Namen, daß es wie ein erstickter Jammerlaut durch die prächtigen Hallen und die Reihen der schimmernden Regungslosen schallte.