Im Gefolge der Siegerin über Götter und Menschen befanden sich zwei Kentauren: ein Jüngling und ein bärtiger Mann. Auf jedem der Fabelwesen ritt ein Liebesgott. Der geflügelte kleine Kerl, der auf dem Jungen trabte, hatte Mühe, sein Menschenroß zu bändigen. Es war solch junger und unbändiger Geselle, mochte selbst die federleichte Last auf seinem Rücken nicht dulden, spottete aller Reiterkünste des Bengels mit einem Übermut, daß die beiden zur Belustigung des ganzen antiken Publikums ein gar artiges Schauspiel boten. Dagegen der ältere —

Das Amorlein hatte dem durch seine Pfeile Getroffenen beide Arme auf dem Rücken gefesselt, und quälte sein Opfer mit der ganzen grausamen Wollust, die den Wicht zu einem wahren Henker machte. Und dann wollte der Schlingel ein Gott sein! Das stolze Antlitz schmerzverzerrt, entstellt von Scham und Selbstverachtung, wandte der Kentaur nach seinem erbarmungslosen Peiniger das Haupt. Ein Stöhnen wie Sterbelaut entrang sich seinem Munde. Aber die belebten Antiken achteten nur seines jungen überlustigen Gefährten; bei dem allgemeinen Beifallsgetöse erstarb der Aufschrei des Gefesselten und sein Quälgeist brauchte den vergifteten Pfeil als Geißel, womit er dem zu ewiger Liebe und ewigem Leide Verdammten den Rücken peitschte.

Was jedoch bei dem traurigen Anblick als das Traurigste erschien, war, daß der Gepeinigte nicht die leiseste Anstrengung machte, seine Bande zu lösen, den Dämon abzuschütteln, und sich von dem Martyrium seiner Leidenschaft zu befreien. Mit gelähmtem Willen, gebrochenen Geistes ertrug er die Schändung seiner Mannheit. Und das mit dem Antlitz eines Heroen! Also geschah ihm recht ...

Plötzlich brachen Götter und Göttinnen mit allen anderen in ein schallendes Gelächter aus: dem jungen Kentauren gelang es, des boshaften Schalks los und ledig zu werden. Mit einem regelrechten Purzelbaum flog der göttliche Lümmel vom Rücken des Tiermenschen herab, und ward zum Glück von einem behenden Nymphlein aufgefangen. Sehr zum Überfluß drückte die Holde den Knaben wie ein Wickelkind an ihre junge Brust, ahnungslos, was für einen Säugling sie sich beilegte; denn der Bursch konnte des Mägdleins Herzblut trinken.

So ist es nun einmal mit der Liebe.

8.

Jupiter und Juno; Dionysos mit seinen bacchischen Begleitern; Apoll mit dem Gefolge der verzückten Musen — alle die Hehren und Herrlichen waren plaudernd und lachend durch die glanzvollen Säle gewallt. Jetzt aber hielt Frau Venus Hof. Sie thronte auf einem antiken Marmorsessel, dessen Lehnen Sphinxe stützten, und ihr zu Füßen lagerten ausgestreckt die beiden Kentauren.

Ihnen gebot die Göttin: »Erzählt eure Geschichte! Da ihr zwei Verliebte seid, so gehört ihr mir ... Dich heiße ich jedoch einen Liebenden —« wandte sie sich huldvoll zu dem älteren. »Weiß ich erst, wen du so gewaltig liebst, daß du durch einen meiner Kleinen deiner Liebe willen ein Martyrium erduldest, kann ich dir vielleicht beistehen in deiner Not ... Nicht jetzt sprich! Zuerst soll der Junge reden, der ein rechter Verächter aller Liebesnöte zu sein scheint. Dafür soll der Leichtfuß mir büßen.«

Der von der großen Göttin Gescholtene lachte hell auf: »Herrin,« begann er mit der heitersten Miene, »o Gebieterin! Verliebt nennst du mich? Als ich von der Hand eines Meisters noch nicht in Stein gebannt war, bin ich das seit meinen Knabenjahren jeden Tag meines jungen glückseligen Lebens gewesen. Und wie verliebt war ich! Ich lebte in den Wäldern und auf den Fluren Kariens in Kleinasien bei der wunderschönen Stadt Aphrodisias, die ihren heiligen Namen nach dir hatte, und wo dir die prächtigsten Tempel erbaut, die herrlichsten Bildsäulen errichtet waren. Da mußte ich, armer junger Kentaur, mich denn wohl oder übel bis über die Ohren verlieben: in jede Najade und Dryade, in jedes Nymphlein, das meine vor Jugendwonne und Lebenslust leuchtenden Augen erblickten. Ich küßte alle — alle! Und wen ich küßte, der verfiel mir. Denn es war, als hätte ich zu Aphrodisias das Küssen von dir selber gelernt — verzeihe die Gotteslästerung.

Niemals hättest du dich zu einem von meinesgleichen herabgelassen: zu einem Tiermenschen mit Schweif und vier Füßen! Ich mußte mich daher mit geringeren Huldinnen begnügen; und — ich begnügte mich.