Es war Passahfest. Ein dicker Brief war aus Milwaukee gekommen mit vielem, vielem Gelde, und alle waren guter Dinge. Sarah hatte Mutter Jette geholfen das Geschirr zu reinigen, das vorerst über dem Feuer ausgebrannt worden war, und das Haus zu säubern vom Dache bis in den Keller hinab.
Denn das Passahfest feiert die Erinnerung an den Auszug aus Egypten und es heisst in Bezug darauf im Exodus: Ihr werdet sieben Tage ungesäuertes Brod essen und in den ersten Tagen alles Gesäuerte aus Euren Häusern entfernen. Den ersten Monat, den vierzehnten Tag vom Abend, werdet Ihr ungesäuertes Brod essen bis zum einundzwanzigsten Tage den Abend. Während sieben Tage werdet Ihr nichts Gesäuertes im Hause haben.
Vordem hatte man das ganze Geschirr erneuert und alles verkauft, was als gesäuert angesehen werden konnte, jetzt wird dieser Verkauf nur zum Schein ausgeführt. Alles wird einem befreundeten Christen übergeben, der es bezahlt und nach Ostern das Geld zurück erhält und den ganzen Kram zurück erstattet.
Auch Mutter Jette hatte diese Comödie aufgeführt, und jetzt war alles in Ordnung, alles glänzte, in dem frischgescheuerten Speisesaal war die Diele mit rothem und gelbem Sand bestreut, blüthenweisse Vorhänge prangten an den Fenstern, am Ende der Tafel stand der »Lahne« (Lehnstuhl) für das Familienhaupt, und der ganze Raum war von dem Duft der Märzveilchen erfüllt, welche Sarah im Wäldchen gepflückt hatte.
Die beiden Frauen hatten nun auch das Matze, das ungesäuerte Brod bereitet und gebacken, und jetzt war Mutter Jette's erster Gedanke, die Geschenke zu versenden und das Almosen zu spenden, die jeder Jude zu dieser Zeit gibt.
Mit einem grossen Korbe, der mit Weinflaschen und ungesäuerten Broden gefüllt war, ging Sarah durch den Ort und brachte die Gaben zu dem Rabbiner, dem Kantor, dem Schames, dem Lehrer, zu dem armen Talmudisten und zu einigen dürftigen Juden und Christen, denn der wahrhaft fromme Jude kennt für seine Wohlthätigkeit keinerlei Schranken.
Schon nahte der erste Abend des Festes. Grossvater Taubes sass vor dem Hause und erwartete den Stern, der den Anbruch des 14. Nissan und den Beginn der Passahwoche verkündigt.
Der Schulklopfer ging durch die Strassen und klopfte an jede jüdische Thüre dreimal, das Zeichen, dass es Zeit sei zum Gebet.
Da entstand eine fröhliche Bewegung, man hörte Rufe und laute Grüsse in der Ferne, und jetzt kam ein Mann, den Tornister auf dem Rücken, den Stock in der Hand, heran, umringt von der jubelnden Jugend. Er blieb auf der Strasse stehen, und zugleich steckten Mutter Jette und Sarah die Köpfe zum Fenster heraus.