Auf diese Weise kam Laktef Wilna auch zu einem ganz kleinen Hause in der langen Gasse, dessen Mauern sich wie die Blätter eines Kartenhauses nach innen neigten, und in dem, hinter mit Papier zusammengeklebten zerbrochenen Scheiben und morschen Thüren, in zwei Stockwerken und zwölf Zimmern bei dreissig dürftige, jüdische Familien wohnten. Er blickte durch ein Fenster, dessen Scheibe ein grosses Loch hatte, das nicht mehr durch bunte Papierstreifen unschädlich gemacht werden konnte und daher mit verschiedenen alten Strümpfen verstopft war, und sah in einem Stübchen, nicht grösser als ein Hühnerstall, ein Mädchen in einem schlechten, geflickten Kattunkleidchen sitzen und bitterlich weinen. Das verdarb Laktef Wilna den ganzen Schuschan-Purim, denn er hatte, wie alle leichtsinnigen Menschen, das beste Herz und konnte vor allem keine Thränen sehen. Er verhielt sich also vollkommen stille, legte seine Riesennase an die Scheibe und horchte. In dem Stübchen brannte in einem ausgehöhlten Erdapfel ein Stümpfchen Talglicht und sass in einem alten Lehnstuhl, dem ein Bein fehlte, ein Mann in einem zerrissenen Kaftan, die Jarmurka auf dem ergrauten Kopfe, die Hände gefalten und starrte in das Leere.

Es war der blinde Flickschneider Tobia Fischthran und das Mädchen seine Tochter Esther. Laktef Wilna kannte sie jetzt.

»Weine nicht«, sprach Tobia milde, »vom Weinen verliert man das Augenlicht. Was soll werden, wenn auch Du nicht mehr kannst, Esterka.«

»Was hilft es, zu arbeiten, Tate«, erwiderte das Mädchen seufzend, »wenn man verlassen von Gott?«

»Kein Mensch ist von Gott verlassen«, versetzte Tobia, »keiner, nur geprüft wird man von Gott, nicht verlassen.«

»Wir werden aber mehr geprüft als alle Anderen zusammen«, gab Esther zur Antwort, »und doch haben wir nicht mehr gesündigt als sie. Bin ich nicht fleissig vom Anbruch des Tages bis tief in die Nacht hinein, Tate, und kann nicht einmal meinem blinden Vater das Stübchen heizen und Kuchen backen, die doch der Aermste hat zum Schuschan-Purim.«

»Was brauchen wir Kuchen, wir hören doch die Musik und hören die Leute lachen«, sagte Vater Fischthran.

»Mir thut es von Herzen weh, wenn sie lachen«, murmelte das arme Mädchen und begann wieder zu weinen, aber ganz leise, damit es ihr alter Vater nicht höre, denn sehen konnte er es ja nicht, wie sie die kleinen mageren Hände vor die Augen presste, aber Haman sah es, Laktef Wilna sah es und eilte auf seinen Stelzen rasch davon. Er war der Sohn wohlhabender Eltern, er hätte können Geld in Esther's Fenster werfen und der Armen wäre geholfen gewesen, aber das hätte ihm keine Freude gemacht, er war nur dann zufrieden, wenn er den Leuten irgend einen Schabernack anthun konnte, und so war er auch jetzt entschlossen, hier den Armen einen liebenswürdigen und anderswo den Reichen einen ärgerlichen Possen zu spielen. Er ging zuerst zu dem Hause des Holzhändlers Jainkef Jeiteles, lehnte sich an die Hofmauer und begann von dem jenseits hoch aufgeschichteten Holze ein Scheit nach dem anderen herüber zu ziehen und dem untenstehenden Monderisch, seinem Freunde Teitel Silberbach, zuzuwerfen. Dann kehrten sie rasch zu dem Hause, wo Esther wohnte, zurück, Laktef stieg von seinen Stelzen herab, und Beide schlichen bis vor Fischthrans Thüre und schichteten das Holz vor derselben auf. Als dies geglückt war, eilte Haman rasch durch die Strassen und blickte in alle Fenster, und richtig, bei Jonathan Schmeikes, dem Kaufmann, hatten sie auf das Küchenfenster zwei grosse Schüsseln mit dampfenden Kuchen gestellt und die Köchin war eben beim Herde beschäftigt und kehrte den Rücken. Schnell hatte sich Haman der Kuchen bemächtigt und wie mit Siebenmeilenstiefeln ging es wieder zurück zu der kleinen Esther. Jetzt schlich Monderisch mit seinem grossen Turban hinauf, klopfte dreimal laut an die Thüre und entfloh. In dem Augenblick, da Esther aufstand und öffnete, zog Laktef Wilna eilig die Strümpfe heraus, warf die Kuchen durch das Loch in der Scheibe hinein, verstopfte dasselbe wieder und versteckte sich dann hinter der Dachrinne.