An demselben Vormittag erschien aber der alte Wilna bei Tobia Fischthran und hielt bei ihm, für seinen Sohn, um die schöne Esther an.


Die Erlösung.

– UNGARN. –

Col-Nidre. – Kapores.

Es war Col-Nidre, der Abend vor dem Versöhnungstage. Die sonnige Heiterkeit des Herbstes lag wie süsser Duft auf den buntfarbigen Bäumen des Waldes, den weiten, stillen Fluren und den kleinen, mit rauchigen Schindeln gedeckten Häusern des ungarischen Städtchens. Ein letzter warmer Lichtstrahl stahl sich fast verschämt durch die halb erblindeten Fensterscheiben in das Haus des Kaufmanns Teller Herschmann und zitterte auf der Diele der grossen Stube, gerade als die beiden Männer hier eintraten, von deren Antlitz gleichfalls Licht, der Sonnenschein des Geistes und der Wissenschaft, in diesen dunklen Raum strahlte, in dem die Seelen ebenso dunkel waren, wie die zahlreichen Winkel und Winkelchen, welche die alten, massiven Möbel bildeten.

Der zuerst hereinkam, war der Arzt Jonas Bienenfeld, der Bruder der Frau Herschmann. Er kam, um ihr und den Ihren Glück zu wünschen, und es war nur an diesem Tage, dass er kam, denn er galt als arger Freigeist in der frommen strenggläubigen Gemeinde und war deshalb halb ausgestossen, einer von Jenen, denen die Zeloten der Synagoge von ganzem Herzen wünschen, »dass sie die Erde verschlinge«, und wenn ihn die Erde noch nicht verschlungen hatte, so war es wahrlich nicht die Schuld der Eiferer, die an den Wänden des Tempels zu stehen und dieselben anzurufen pflegten.