Mit Jonas Bienenfeld war diesmal ein junger Mann gekommen, dessen schlanke Gestalt, dessen feines, ein wenig bleiches Gesicht bei all' seiner Jugend den Denker, den ernst und entschlossen nach Erkenntniss, nach Wahrheit Ringenden verriethen. Es war dies der Liebling des geistvollen, jovialen Arztes, der Student der Medizin, Abner Barach, den der Erstere mitgebracht hatte, damit er seine Nichten kennen lerne.

Als die Beiden erschienen, hatte Frau Maecha Herschmann eben mit den am Col-Nidre üblichen, seltsamen, jüdischen Zeremonien begonnen. Während die übrigen Kinder, festlich gekleidet, feierlich im Halbkreise um sie standen und eine Anzahl Hühner, die Kapores (Opfer) gleichfalls geschmückt und die Füsse mit farbigen Bändern zusammengebunden, auf dem Boden lag, sass mitten in der Stube, auf einem Stuhl, mit gesenktem Haupte ein Mädchen, ihre älteste Tochter Mathele. Von dem einfachen weissen Kleid, das sie trug, hob sich ihr leicht geröthetes, unschuldiges Gesicht mit den dunklen Flechten reizvoll und herzgewinnend ab.

Abner's Blick ruhte überrascht auf dieser keuschen, schönen Erscheinung, die geboren schien, um zu dienen, zu gehorchen, zu leiden, und jetzt schlug auch sie die Augen auf, zwei grosse, dunkle, sanfte Augen, in denen ein schwermüthiger Glanz war, der Glanz der Thränen. Sie sahen sich zum erstenmal, der junge Arzt und die Tochter des Zeloten, aber sie blickten einander an, als wären sie sich schon einmal auf einem anderen Sterne begegnet, ja, als wären ihre Seelen seit Ewigkeit mit einander vereint.

Frau Maecha Herschmann sprach indess mit einem vielsagenden Blick auf ihren halb verlorenen Bruder das uralte, wundersame Eingangsgebet: »Menschenkinder, welche in Finsterniss sitzen, sie sind gefesselt in Armuth und Eisen. Er soll sie aus der Finsterniss herausführen und ihre Bande zerreissen. Sie sind bethört von ihrem frevelhaften Wesen, von ihren Sünden sind sie gequält. Jede Speise verabscheut ihre Seele und sie gelangen bis zur Pforte des Todes, sie flehen zum Ewigen in ihrer Noth. Von ihren Drangsalen hilft er ihnen, er schickt seine Worte und rettet sie von ihrem Verderben. Sie danken dem Ewigen für seine Gnade und seine Wunderthaten. Wenn er einen Engel zum Vorsprecher hat, der von des Menschen Redlichkeit zu sagen weiss, dann wird er ihn begnadigen und wird ihn erretten vom Untergange, von der Gruft, und er wird sagen: Ich habe Erlösung gefunden.«

Als dies Gebet zu Ende war, schwang die Mutter den ängstlich flatternden und schreienden, jungen Hahn, den sie in der Hand hielt, dreimal um das Haupt Matheles und fuhr fort: »Das ist meine Umwandlung, das ist mein Tausch, das ist meine Vergebung. Dieser Hahn soll dem Tode geweiht sein, und ich soll langes Wohlleben und Freude erlangen.«

Nachdem die Sühnezeremonie auch an den anderen Kindern vollzogen war, wurden die armen Opfer, die Kapores den armen Leuten geschenkt, welche bereits freudig erregt in der Flur den willkommenen Braten erwarteten.

Die Familie sass dann um den grossen Tisch herum, und während Bienenfeld seinen gutmüthigen Witz an den Zeloten des Städtchens übte, Teller Herschmann beharrlich schwieg und Frau Maecha entrüstet seufzte, wechselten Abner und Mathele von Zeit zu Zeit einen Blick oder ein paar Worte, die, so gewöhnlich sie auch klangen, für diese Beiden süsse Musik waren.

Der lange Tag, so genannt, weil das strenge Fasten und Dürsten von Sonnenuntergang zu Sonnenuntergang auch dem Frömmsten schwer wird, ging glücklich vorüber. Alles nahm wieder fröhliche Miene in Israel an, und Abner, der bei Bienenfeld wohnte, und sich zu seinem Doktorexamen vorbereitete, begann in seinen freien Stunden das dunkle Haus des strengen finsteren Teller Herschmann fleissig und immer fleissiger zu besuchen.