Markus that, wie ihm geheissen und wartete so lange auf das Zeichen des Arztes, bis ein lautes Gelächter ihn veranlasste, die Augen zu öffnen. Der Doktor war verschwunden, dagegen war das kleine Gewölbe vollständig von Neugierigen angefüllt, und die Gasse war gleichfalls durch eine gaffende Menge gesperrt.
»Nun gottlob!« rief der Fleischer Schmul, sein Nachbar, »wir haben schon alle geglaubt, dass Sie verrückt geworden sind, Herr Markus.«
Mitten in diesem kriegerischen Zustand der Dinge kehrte eines Tages Honigmann's jüngerer Sohn Baruch zurück, der sich dem Studium der Rechte gewidmet und an verschiedenen Universitäten des Auslandes studirt hatte. Er bereitete sich jetzt zu seinem Examen vor und brachte fast den ganzen Tag zu Hause zu.
Sein Stübchen lag hoch oben unter dem Dache. Jedesmal, wenn er von seinem Corpus juris aufblickte, sah er an dem Fenster gegenüber, hinter Blumentöpfen ein allerliebstes Mädchen, kaum den Kinderschuhen entwachsen, das emsig mit der Nadel arbeitete.
Es war Jessika, die jüngste Tochter des Markus. Sie hatten Beide die Fenster offen, denn es war im Monat August, wo die linde Sommerluft sogar in das Rosengässchen drang und so kam es, dass Jessika verstohlen hinüberblickte, wenn Baruch's feines, etwas bleiches Gesicht über den Lederband gebeugt war, und dass er durch die Blumentöpfe nach ihrem weissen Hals, ihren blonden Zöpfen, ihrem kleinen Näschen spähete, wenn sie sich über den Sammt oder die Seide neigte, die auf ihren Knieen schimmerte.
Jessika hatte eine kleine Freundin, ein reizendes, weisses Kätzchen, Mimi genannt, das auf dem Fensterbrett schlief, wenn sie arbeitete. Eines Abends, im Mondlicht, spazierte sie auf dem Dache herum und, da ihr die beiden Dachrinnen, welche in Gestalt von Drachenköpfen in die Strasse hinaussprangen und sich in die Augen zu blicken schienen, eine Art lustiger Brücke bauten, schlich sie leise herüber und blickte plötzlich in Baruch's Fenster. Dieser verschwendete alle seine Schmeichelworte an sie und nachdem er ihr erst einmal das weisse Fell gestreichelt hatte, war Jessika's Freundin auch die seine geworden. Baruch riss von dem Stock, der auf seinem Fenster stand, eine Rose ab, befestigte sie an Mimi's blauem Halsband, und diese entledigte sich ihrer delikaten Mission in bester Weise.
Am folgenden Morgen sah Baruch seine Rose an Jessika's Brust.
Einige Tage später brachte ihm Mimi in derselben Weise ein Lesezeichen, das Jessika für ihn gestickt hatte.