Das gab ihm Muth, ein paar Zeilen auf ein Rosenpapier zu werfen und sie der kleinen Botin anzuvertrauen. Den folgenden Tag brachte Mimi die liebliche Antwort. So entstand ein unschuldiger und zugleich vertraulicher Briefwechsel und die Kinder der beiden feindlichen Väter lernten sich kennen und lieben, ohne je ein Wort mit einander gewechselt zu haben.

Doch die Blätter begannen zu fallen, es kam die Regenzeit und dem Regen folgte der Schnee, der Winter, die Fenster mussten geschlossen bleiben, und auch die kleine Botin kam nicht mehr.

Doch die Liebe macht erfinderisch. Jessika hauchte die Scheiben an, um durch die Frostblumen Baruch erblicken zu können, und er thaute das Eis mit Hülfe seiner brennenden Studentenpfeife an. An die Stelle des Briefwechsels trat die Zeichen- und die Blumensprache. Der Orient zog in das kleine, holländische Gässchen ein, und mitten im Eise blühten die Rosen von Sharon auf.


Da geschah eines Tages etwas Schreckliches. Honigmann rief dem Markus, neben dem gerade sein Schwager Löwy vier Ellen Sammt abmass, zu: »Wissen Sie, dass Venedig eine jüdische Stadt ist?«

»Sie wissen immer mehr als die anderen«, erwiderte Markus.

»Doch«, sagte Honigmann, »denn sie haben dort einen Markusplatz und zwei geflügelte Löwy's.«

Das war zu viel. Markus stürzte über die Strasse, auf Honigmann los, um ihm eine Ohrfeige zu geben, doch die Frauen warfen sich von beiden Seiten dazwischen und trennten die Todfeinde.

An diesem Abend rief Pinkele, der Spassmacher, aus: »Das ist ja schon das reine Trauerspiel, nächstens wird es Mord und Todschlag geben.«

Markus aber schwor, dass er sich nicht zufrieden geben werde, ehe nicht Honigmann sein Theuerstes verloren habe.