Zwei Aerzte.
– ÖSTERREICH. –
Der Talmud. – Zweierlei Medizin.
Mitten im österreichischen Waldland, nahe der böhmischen Grenze, zwischen mächtigen Forsten, rauschenden Wassern und grünen Bergen, auf denen die Trümmer stolzer Burgen gegen den Himmel ragen, liegt ein freundlicher Ort mit weissgetünchten Häusern und rothen Ziegeldächern.
Hier lebte seit undenklicher Zeit eine kleine, jüdische Gemeinde, die ferne der Strasse, welche der Welthandel nimmt und auf der die Heere ziehen, ihr Wesen und ihre Bräuche ziemlich unverfälscht erhalten hatte.
Das grosse Licht, der Ilau dieser Gemeinde, war Mebus Kohn, der Talmudist. Er war ihr Lehrer, ihr Rathgeber, ihr Orakel und ihr Arzt.
Mebus lebte mit seiner Tochter Perle sehr still und glücklich unter dem Dache des kleinen mit Weinlaub umrankten Hauses, das dem jüdischen Fleischer Berthold Zimmermann gehörte, bis zu dem Tage, wo sich ein junger, jüdischer Arzt, Leopold Pfeffermann, mit seiner Schwester in dem kleinen Waldort niederliess.
Nun war es um seine Ruhe geschehen. Bisher hatten die Juden in diesem stillen Winkel keine andere Arznei gekannt, als den Talmud. Mit Hülfe dieses heiligen Buches heilte Mebus jede Art von Leiden und Gebrechen oder er heilte sie nicht, je nachdem die guten oder bösen Geister die Oberhand gewannen.
Nun machte ihm plötzlich ein Fremder, ein junger Mensch, ein Purez (Geck), seinen wohlerworbenen Ruhm streitig.
Der alte Talmudist hasste diesen Doktor von Anbeginn, ehe er ihn noch gesehen hatte, und seine Abneigung wurde allmählig noch durch das Gebahren der Schwester Pfeffermann's gesteigert. Diese, eine junge, anmuthige, gebildete Dame, zeichnete sich durch eine elegante Toilette und einen freien Geist aus, der alles Gute und Vernünftige im Judenthume mit Feuer vertheidigte, sich aber von allen veralteten Vorurtheilen und Gebräuchen losgemacht hatte. Schon dass sie Bücher las, die nicht in Folio gedruckt und nicht hebräisch waren, genügte, um sie in den Augen des Talmudisten zu einer Ketzerin zu machen. Nun kam noch dazu, dass der Doktor einen Todtenkopf auf seinem Schreibtisch und ein menschliches Gerippe in einem Winkel seines Studirzimmers stehen hatte.