Dies war geradezu eine Verletzung des Gesetzes nach der Ansicht des Talmudisten.

Doch sein frommer Eifer half ihm wenig. Der Doktor machte einige glückliche Kuren, und seine Schwester scheute keine Mühe, keine Gefahr, wo es zu helfen, zu retten galt. Sie ging in die Hütten der Armen, um in einer verpesteten Luft die Kranken zu pflegen, den Dürftigen die nöthige Nahrung zu bringen und mehr und mehr blieben die Patienten bei Mebus aus und erholten sich Raths bei dem jungen, gelehrten Doktor, der vielleicht nicht koscher ass, aber ein echtes, jüdisches Herz besass.

Kam ein Kranker zu Mebus, so fragte er ihn aus, ob er vielleicht beim Abschneiden der Fingernägel einen Fehler begangen habe, ob er nicht Speisen gegessen habe, die verboten seien, ob er nicht eine Ruine betreten habe, in der die Massikim hausen, und dergleichen mehr. Dann schlug er den Talmud auf, sprach Gebete, legte dem Patienten die Hände auf und im besten Falle gab er ihm einen Abguss von Kräutern, die er selbst im Walde gesucht hatte.

Der Doktor dagegen sah dem Kranken, der über Halsweh klagte, in den Hals, klopfte und horchte demjenigen, der sich über Schmerzen in der Brust beklagte, die Brust ab, fühlte den Puls, verschrieb eine Arznei und ordnete eine entsprechende Diät an.

Das war schon ganz anders und nun gar die Elektrisirmaschine, die er manchmal anwendete, die verschiedenen Instrumente, deren er sich bediente. Alle diese Geheimnisse seiner Kunst wirkten auf die abergläubische Bevölkerung noch kräftiger als die Kabbalisten-Formeln des alten Mebus.


So sah sich denn dieser eines Tages vollständig entthront und dachte bereits daran, die Gegend zu verlassen, als ihm, wie er glaubte, Gott Hülfe sendete und ihm plötzlich bei seinem Hausherrn, dem Fleischer, eine wahre Wunderkur gelang.

Der junge Doktor wollte der Sache auf den Grund kommen und begab sich ohne weiteres zu Mebus, der ihn mit einem grimmigen Blick empfing, während die reizende Perle, die Hand auf den alten Lehnstuhl ihres Vaters gestützt, die Augen zu Boden gesenkt, ein Bild der Unschuld und Anmuth, dastand.