»Erklären Sie mir, Herr Mebus Kohn,« begann Pfeffermann, »wie Sie diesen Zimmermann behandelt haben. Da Sie doch nicht Medizin studirt haben, so setzt mich Ihr Erfolg in Erstaunen, und da ich jede Erscheinung zu verstehen suche, bitte ich, mir Ihre Methode zu erläutern.«
»Glauben Sie denn,« erwiderte Mebus, »dass man Leichen zerschneiden muss, um den menschlichen Körper kennen zu lernen? Ich kenne ihn besser als Sie und habe niemals sezirt. Und dann – wer sagt Ihnen, dass man jede Krankheit heilen soll? Wenn Gott eine Krankheit sendet, darf man zu ihm beten, um den Tod abzuwenden, nicht aber gegen den Willen des Schöpfers Krieg führen.«
»Ich bitte, Herr Kohn, ich möchte Ihre Methode kennen lernen,« sagte der Doktor ruhig, »das hat mich zu Ihnen geführt.«
»Meine Methode?« murmelte Mebus und zog die Augenbrauen zusammen, »Sie werden sie doch niemals verstehen, Sie haben nicht den Geist dazu, Ihnen fehlt die wahre Gottesfurcht. Um einen Kranken zu heilen, darf man sein Leiden nicht von der körperlichen Seite betrachten, man muss seinen geistigen Zustand kennen. Der Traktat Makoth sagt uns, dass es im Menschen 248 Glieder und 365 Adern gibt. Dagegen findet man in der Thora 248 Gebote und 365 Verbote. Begeht der Mensch eine Sünde, sei es, indem er ein Gebot nicht befolgt oder ein Verbot überschreitet, so erkrankt das Glied oder die Ader, die mit diesem Gebot oder Verbot in Zusammenhang steht.«
Pfeffermann sah den Alten erstaunt an, er meinte, wie Faust in der Hexenküche, einen Chor von hunderttausend Narren sprechen zu hören.
»Je mehr der Mensch sündigt,« fuhr der Talmudist fort, »umsomehr wird sein Körper zerstört, und wenn er nicht endlich Busse thut, kann ihn kein Arzt retten. Eine genügende Busse ist allein im Stande, den Tod abzuwenden, denn Gott hat uns durch den Mund des Propheten Ezehiel gesagt: Ich begehre nicht den Tod des Sünders, sondern dass er Busse thue.«
»Und Sie haben auch Zimmermann in der Weise geheilt?« fragte der Arzt immer verwunderter.
Mebus nickte. »Er hat mir seine Sünden gebeichtet«, sprach er, »und Busse gelobt. Ich betete zu Gott und verbürgte mich für die Busse des Zimmermann, und Sie sehen, er wurde gesund.«