Bär und Wolf.

– SCHWEIZ. –

Rosch haschonnah. – Jom Kipur.

Herta Bär und Selma Wolf galten als die hübschesten Frauen in Basel, nicht allein unter den Jüdinnen. Man sah sie immer zusammen, und es gab Leute, welche behaupteten, dass Beide sehr gut wussten, dass sie sich gegenseitig als Folie dienten.

Herta war blendend weiss, üppig, blond, und Selma hatte jenen warmen Teint, der an den Orient mahnte, die schlanken Glieder der Braut des hohen Liedes und schwarze Haare, die in das Blaue schimmerten.

Ihre Männer, der Weinhändler Wolf und der Kaufmann Bär waren gleichfalls Freunde.

Da kam ein jugendlicher Dichter auf den unglücklichen Gedanken, Selma in einem kleinen Journal zu besingen und fortan war die Rivalität unter den beiden Frauen geweckt. Sie kämpften um die Palme auf Kosten ihrer Männer, sie überboten sich in Bezug auf Toiletten und Schmuck, in Bezug auf die Einrichtung ihrer Wohnungen, jede wollte die andere durch die Kunst der Küche in Schatten stellen und jede pries die Intelligenz, die Talente, die Schönheit ihrer Kinder auf Kosten jener der Anderen.

So entstand aus Neigung Widerwillen, und endlich sogar Hass.

Herta, welche gleich jeder jüdischen Frau für Litteratur und Kunst schwärmte, wurde zu unrechter Zeit von einer etwas übertriebenen Begeisterung für einen Schauspieler erfasst, den sie als Faust, Egmont, Karl Moor, Marquis Posa und Tempelherr in Lessing's Nathan bewundert hatte, und eines Abends, als er den Romeo spielte, warf sie ihm einen Kranz auf die Bühne.