Selma machte sich über sie lustig und gab ihr den Spitznamen Julia, den die bösen Zungen von Basel bereitwillig annahmen und verbreiteten. Herta vergoss zahllose Thränen und Bär brach alle Beziehungen mit Wolf ab.

Einige Zeit wich man sich gegenseitig aus, dann begann die scheinbare Gleichgültigkeit in Feindseligkeit auszuarten.

Bär erzählte in seinen Kreisen, dass Wolf seinen Wein verfälsche, dass er seinen Kunden ein langsam aber sicher wirkendes Gift gebe, und Wolf blieb die Antwort nicht schuldig. Er verbreitete seinerseits, dass Bär geknetetes Brod als Kaffee verkaufe und Nussbaumblätter als chinesischen Thee, dass er gestossene Ziegel unter den Zimmt mische und Kreide unter das Mehl.

Man glaubte Beiden, und Beide litten unter der gehässigen Verläumdung, welche immer weiter um sich griff, und die Reihen ihrer Kunden mehr und mehr lichtete.


In diesem gegenseitigen Hasse war fast ein Jahr vergangen und wieder nahte Rosch haschonnah, das jüdische Neujahr.

An einem trüben Herbsttage fanden sich die jüdischen Männer bei Tagesanbruch im Tempel zusammen und beteten hier bis zehn Uhr morgens. Jetzt erschien der Rabbiner Goldschmidt, öffnete die Lade, nahm die Thora heraus, bestieg die Estrade, rollte das geheiligte Pergament auf, und der Sänger begann in hebräischer Sprache die Geschichte Abrahams und das Opfer Isaak's vorzutragen.

In einer bilderreichen Predigt erinnerte der Rabbiner daran, dass an diesem Tage das erwählte Volk einen Bund mit Gott geschlossen habe und rief dann den frommen Nathan auf, mit dem Sophar, dem Widderhorn zu blasen.

Nathan bestieg langsam die Estrade. Nachdem er und der Rabbiner ihr Haupt mit dem Thaleth verhüllt hatten und das Gebet gesprochen war, senkten alle den Blick zur Erde, denn Niemand darf es sehen, wenn das heilige Horn geblasen wird.